Sie tragen fließende Gewänder oder Kimonos, veröffentlichen selbst entworfene Gebete, sprechen Segnungen aus und erklären, Zugang zum Göttlichen zu haben. Manche nennen sich selbst „Priestess“, andere treten als Life- oder Spiritual-Coach auf. Bei wieder anderen bleibt offen, worauf ihre vermeintliche spirituelle Autorität eigentlich beruht.
Zwischen Blessings, Prayers, Vergebung und der unendlichen Güte, die einem auf diesen Accounts entgegenschlägt, wird Gott als neue Instanz eingebunden. Er ist der neue Füllstoff für mehr Glück und weniger Krise. Jetzt geht es um Erleuchtung, die es zu erreichen gilt: Gott ist alles – nur ohne lästigen Religionsunterricht, dafür mit einem Preisschild.
Was mich dabei immer mehr erstaunt: Warum in aller Welt fragt niemand danach, wie viel maßlose Dekadenz, wie viel Respektlosigkeit und wie viel Größenwahn nötig sind, um sich selbst priesterliche Autorität zuzuschreiben?
Gottesgläubig, aber nicht religiös
Wer Menschen jahrelang Hoffnung verspricht und verkauft, das Traumleben warte gleich an der nächsten Ecke – oder besser gesagt: hinter dem nächsten Produkt – gerät früher oder später unter Rechtfertigungsdruck. Beim lukrativen Geschäftsmodell der Manifestation zum Beispiel dürften viele inzwischen trotz zahlreicher Kurse und Bücher festgestellt haben, dass das Universum nicht liefert. Reich werden dabei vor allem diejenigen, die das magische Denken verkaufen – nicht diejenigen, die es anzuwenden versuchen.
Wie entkommt man also möglichen Zweifeln der Community und der herannahenden Enttäuschung der Followerinnen, wenn die größte Währung einer spirituellen Influencerin Vertrauen ist? Ganz einfach: Die Autorität muss wachsen, die präsentierte Güte, Liebe und Dankbarkeit ebenfalls. Am besten funktioniert das mit einem Amt, das unantastbar ist: dem der Priesterin.
Was bei moderner Spiritualität bereits erfolgreich war – sie verlangt weder eine Ausbildung noch eine nachprüfbare Qualifikation –, funktioniert bislang auch bei dieser neuen Berufung problemlos. Religion spielt dabei kaum eine Rolle. Bibel, Theologie oder eine Glaubensgemeinschaft bleiben außen vor. Trotzdem beanspruchen diese Frauen offenbar exklusives Wissen darüber, was Gott ist, wie göttliche Führung funktioniert und wie Frauen Zugang zu ihr finden sollen.
Die Distanz zur Religion ist bequem: Gott darf bleiben, ebenso Gebet, Segen und sakrale Autorität. Draußen bleiben Geschichte, Tradition, Gemeinschaft, Widerspruch und vor allem das zweite Gebot: „Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen.“
Ein Gott, der alles gutheißt
Wie bekommt man es nun hin, Gott und den eigenen privilegierten Lifestyle, den man schließlich mit dem ständigen Fülle-Versprechen verkaufen möchte, zusammenzubringen? Auch das ist einfacher als gedacht, wenn man die Erzählung über Gott passend neu interpretiert. Das hat bei der Spiritualität schließlich auch schon funktioniert. Das Versprechen von Erlösung und Heilung bleibt dabei bestehen.
Gott will, dass es uns gut geht, heißt es. Wir müssen nicht perfekt sein, hört man die göttlich geführte Influencerin sagen, und die Followerinnen wirken erleichtert. Endlich keine tägliche Selbstoptimierung mehr, sondern ein Leben in Demut und Dankbarkeit. Wobei, Moment: Der nächste Online-Kurs startet ja schon bald, in dem ich das Göttliche in mir entdecken soll. Die Influencerin hat es bereits gefunden – und ich kann das auch, sagt sie.
Mit dieser Erzählung lässt sich fast alles rechtfertigen: Im Reichtum leben und nach immer mehr streben? Kein Problem, Gott will ja, dass es einem gut geht und man in Fülle lebt. Fehler machen? Auch das ist schnell erklärt. Gott will ja, dass wir an unseren Fehlern wachsen. Egal, welches Thema man sich hier vornimmt: Es findet sich stets eine Erklärung, die es leicht macht zu glauben, Gott sei immer für mich da.
Wenn Gott für Esoterik und Selbstoptimierung herhalten muss
Gott ist nicht nur allmächtig, er ist auch extrem vielseitig, wenn man den Influencerinnen zuhört. Da lernt man: Gott sei keine Instanz außerhalb von uns, sondern eine Kraft in unserem Inneren. Und dann steht plötzlich Tarot neben Nervensystemarbeit, Traumleben neben Trauma, Ahnenlasten neben Frequenzen und nun auch das göttliche Licht, das uns durch all unser Leid zur Erlösung führen soll.
Ob diese ganzen Themen inhaltlich zusammenpassen, spielt dabei kaum eine Rolle. Sie müssen vor allem Gefühle auslösen – und sich gut verkaufen lassen.
Die aktuellen Energien verlangen nach einem Neuanfang, zu dem gerade der passende Kurs angeboten wird. Von dort führt der Weg zum nächsten kostenlosen Event, das wiederum den Verkauf eines neuen Programms vorbereitet. Zuerst präsentiert sich die Anbieterin als Kanal göttlicher Führung, danach erklärt sie, welches Angebot nun der folgerichtige nächste Schritt sei.
Die göttlichen Begriffe geben diesen Angeboten zusätzliches Gewicht. Das göttliche Licht und die heilige Essenz warten darauf, entdeckt und erlernt zu werden. Eine Influencerin ist eine Influencerin, eine „Priestess“ scheint hingegen berufen. Wer behauptet, von einer höheren Kraft geführt zu werden, ist nicht mehr nur eine gewöhnliche Kursanbieterin, sondern jemand, der über einen besonderen Zugang zum ultimativen Glück verfügt.
Der Warenkorb des Heiligen
Viele spirituelle Influencerinnen bedienen sich seit Jahren bei Religionen, Kulturen und spirituellen Traditionen, als handele es sich um ein kostenloses Warenlager. Ein Namaste hier, eine Mala dort, ein schamanisch klingendes Ritual, dazu Tarot, Räuchern, Klangschalen und Seelenweg – Social Media braucht Abwechslung. Alles lässt sich aus seinem ursprünglichen Zusammenhang lösen, miteinander vermischen und unter einem neuen Namen anbieten.
Dabei fehlt es offenbar nicht nur an Wissen über die jeweiligen Ursprünge. Häufig fehlt auch der Respekt vor den Gemeinschaften und Traditionen, in denen diese Symbole und Praktiken entstanden sind. Übernommen wird, was alt, exotisch, geheimnisvoll und bedeutungsvoll aussieht. Was Bindung, Demut oder eine ernsthafte Auseinandersetzung verlangt, bleibt zurück.
Das eigentlich Absurde daran: Sie übernehmen etwas, weil es heilig ist, und zeigen durch ihren Umgang damit, dass ihnen offenbar nichts mehr heilig ist.
So sieht man nur das Gewand, während die Tradition dahinter verschwindet. Der Segen wird übernommen, die Religion dahinter jedoch ausgeblendet. Auch die Autorität einer Priesterin wird beansprucht, ohne die Verantwortung zu übernehmen, die eine solche Rolle normalerweise mit sich bringt. Religion wird auf diese Weise nicht weiterentwickelt, sondern als Material für die eigene Marke benutzt. Das Heilige ist kein Gegenüber mehr, an dem man sich orientiert oder auch reibt. Es wird zur Ausstattung.
Gott als Verkaufshelfer
Hinter den Kulissen produzieren die Teams spiritueller Personenmarken ständig neue Produkte mit dazu passenden, leicht konsumierbaren Themen, um die nächsten Angebote vorzubereiten. Mithilfe von KI lässt sich die Ansprache sogar noch gezielter auf die Bedürfnisse von Frauen zuschneiden. Dieser Output ist nicht belanglos. Frauen wird hier nicht nur ein Kurs oder ein Buch verkauft, sondern ein ganzes Weltbild. Eines, das sich in vielen Bereichen weit von der Realität und vom eigentlichen Kern der Spiritualität entfernt.
Darin werden Zweifel zu Blockaden, Krisen zu Botschaften, Misserfolge zum Ergebnis falscher Energie, Mangelgefühle zu notwendigen Lösungsaufgaben und Kaufentscheidungen zu Schritten in die eigene Wahrheit. Das Universum führt, die Orakelkarten weisen den Weg und die Seele ruft, während die Anbieterin zufällig über die passende, kostenpflichtige Übersetzung verfügt.
Sie verspricht Selbstermächtigung und bleibt zugleich diejenige, die erklärt, was ihre Kundinnen fühlen, was deren Seele will und welcher Schritt als Nächstes ansteht. Die Frau soll ganz zu sich selbst finden, benötigt dafür jedoch immer wieder dieselbe Person.
Das Phänomen der Gleichgültigkeit
Eines der Dinge, die mich an den Themen rund um die moderne Spiritualität am meisten faszinieren, ist dieser Widerspruch: Alles dreht sich um Achtsamkeit, Bewusstheit und Bewusstsein, die unzähligen Red Flags werden trotzdem übersehen. Kaum jemand fragt, warum eine Influencerin plötzlich in der Lage sein soll, zu segnen oder göttliche Botschaften zu empfangen. Ebenso wenig fällt offenbar auf, dass das, was hier passiert, das Gegenteil von Demut ist: maßlose Selbsterhöhung.
Vielleicht sind wir inzwischen zu sehr daran gewöhnt, dass Laien auf Social Media zu selbsternannten Expert:innen werden. Wissenschaft, Psychologie, Spiritualität – alles ist möglich. In diesem Fall überdecken vermutlich das Dauerlächeln, die präsentierte unendliche Güte, das göttliche Licht und die inszenierte Allwissenheit das, was eigentlich darunter liegt. Liebe, Licht und Dankbarkeit klingen schließlich nicht nach Macht und Selbstinszenierung.
Ich frage mich heute schon, welcher Auswuchs auf die Priesterin folgt. Eine Steigerung scheint da kaum noch möglich, aber die Marketingteams werden sich sicher etwas einfallen lassen.
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