Der folgende Erfahrungsbericht wurde uns zur Veröffentlichung zugesandt.
„Ich bin kürzlich auf euer Magazin gestoßen und habe mich in vielem wiedergefunden. Es hat mich dazu gebracht, meine eigene Geschichte einmal aufzuschreiben, vielleicht hilft sie anderen weiter.
Vor etwa zehn Jahren hatte ich das Gefühl, dass in meinem Leben vieles nicht richtig läuft. Ich war beruflich unzufrieden, hatte keine klare Richtung und auch privat lief es nicht so, wie ich es mir gewünscht hätte. Ich hatte das Gefühl, dass die Zeit läuft und läuft und ich irgendwie nicht ankomme – weder im Job noch in Beziehungen noch insgesamt in meinem Leben.
Das wollte ich verändern. Ich wollte verstehen, woran es liegt und wie ich da rauskomme. Coaching hatte ich ausprobiert, half aber nicht weiter, weshalb ich über eine Bekannte bei einer Frau gelandet bin, die telefonisch Energiearbeit anbot. Sie gab mir das Gefühl, „in mich reinschauen“ und gleichzeitig Blockaden und andere Themen auflösen zu können, und damit auch Antworten auf meine Fragen zu finden.
Sie sagte, es sei besser und viel schneller als in einer Psychotherapie, weil ich meine Probleme nicht erklären müsse, sondern sie meine Themen direkt sehen und bearbeiten könne. Die Gespräche verliefen von der Struktur meist ähnlich. Ich sagte, wie es mir ging und wo es hakte, die Anbieterin „arbeitete dann energetisch an meinem System“. Mal war es ein blockiertes Chakra, mal fehlte mir Erdung, mal schien ich energetisch nicht richtig ausgerichtet.
Am Ende jeder Sitzung hatte ich auch tatsächlich oft das Gefühl, dass es mir besser ging. Ich war irgendwie beruhigt und hatte wieder Hoffnung. Das lag rückblickend allerdings vor allem daran, dass mir stets Sätze gesagt wurden wie „Das kommt bald“, „Wir sind dran“, „Sie sind schon auf dem richtigen Weg“, „Das braucht noch etwas Zeit“ oder „Das wird erst funktionieren, wenn dies oder jenes geklärt ist“.
Und das habe ich über viele Jahre geglaubt.
Mir war lange nicht klar, dass es eigentlich immer die gleiche Dynamik hatte: Nach den Telefonaten gab es dieses kurzfristige Gefühl von Erleichterung und gleichzeitig die Hoffnung, dass sich jetzt wirklich etwas verändert. Aber dieses Gefühl hat nie lange gehalten. Es war eher wie ein Bumerang: kurz besser, dann nach einiger Zeit wieder genau da, wo ich vorher war. So kam es, dass ich immer wieder das Gefühl hatte, mit ihr telefonieren zu müssen. Etwa einmal im Monat. Manchmal auch häufiger, wenn es mir gerade nicht gut ging. Sie hatte schließlich immer ein (kostenpflichtiges) Ohr für mich.
Wenn ich es heute überschlage, komme ich dabei auf ungefähr zehn Jahre und rund 10.000 Euro.
Im Nachhinein bin ich froh, dass sie dann die Preise plötzlich stark erhöht hat und ein einstündiges Telefonat 120 Euro kostete. Da habe ich mich ernsthaft gefragt, ob ich das wirklich noch brauchte. Etwa zur gleichen Zeit kam hinzu, dass ich während des Gesprächs oft so eine Art Mausklicken im Hintergrund hörte und dachte „Macht sie für diesen hohen Preis etwa gerade nebenbei noch etwas anderes?“.
Dann habe ich aufgehört.
Und erst danach habe ich hinterfragt, was sich in dieser Zeit eigentlich verändert hat.
Die ehrliche Antwort ist: nichts von dem, was ich mir erhofft hatte. Weder beruflich noch privat ist irgendetwas von dem eingetreten, woran wir all die Jahre „gearbeitet“ hatten. Ironischerweise arbeite ich heute sogar in einem Bereich, zu dem sie mir damals auf Nachfrage sagte, das sei in meinem „System“ nicht vorgesehen.
Was ich heute noch schwerer finde als das Geld, ist die Zeit, die ich verloren habe. Ich habe zehn Jahre meines Lebens damit verbracht, darauf zu warten, dass jemand anderes meine Probleme löst und sich dadurch etwas verändert – anstatt selbst etwas zu verändern. Damals hat sich das alles stimmig angefühlt, weil ich dachte „Ich mach ja was“. Heute sehe ich, wie passiv ich in dieser Zeit war. Und das macht mich im Nachhinein wütend.
Heute würde ich sagen: Ich habe nicht nur unnötig viel Geld ausgegeben, sondern ich habe vor allem sehr viel Zeit verloren, in der ich vieles hätte selbst aktiv angehen können.“
Einschätzung der Redaktion
Erfahrungen wie diese begegnen uns immer wieder. Auch die geschilderte Abhängigkeit, die daraus entstehen kann, ist kein ungewöhnliches Phänomen, sondern psychologisch nachvollziehbar. Viele Menschen suchen Unterstützung in einer schwierigen Lebensphase und erleben Angebote wie diese zunächst als entlastend. Zuhören, Bestätigung und Hoffnung können sich im Moment hilfreich anfühlen.
Problematisch wird es jedoch, wenn diese kurzfristige Entlastung mit dem Eindruck verbunden wird, jemand könne innere Themen, Blockaden oder Lebensprobleme „sehen“ und energetisch lösen, ohne dass wirklich konkrete Schritte im Alltag folgen. Dann kann das Gefühl entstehen, es passiere bereits etwas, obwohl sich in Wirklichkeit nichts nachhaltig verändert.
Ein Mechanismus, der dabei eine Rolle spielt, ist der sogenannte Sunk-Cost-Effekt (Effekt der versunkenen Kosten). Gemeint ist damit, dass es Menschen schwerfällt, etwas zu beenden, in das sie bereits viel Zeit, Geld oder Hoffnung investiert haben. Gerade wenn immer wieder gesagt wird, es brauche nur noch etwas Zeit oder man sei „auf dem richtigen Weg“, kann der Ausstieg schwerer werden.
Auffällig bei diesem Erfahrungsbericht ist für uns auch die Verschiebung in eine passive Rolle: Die Lösung soll nicht durch eigenes Handeln entstehen, sondern durch eine andere Person, die angeblich im Inneren etwas erkennt oder löst. Diese Verschiebung ist in esoterischen Angeboten häufig zu beobachten: Probleme werden nicht konkret bearbeitet, sondern z. B. als innere, energetische Blockaden gedeutet, die von außen gelöst werden sollen. Das kann kurzfristig beruhigen, führt aber nicht automatisch zu realer Veränderung.
Für sogenannte „Energieübertragungen“ existiert kein wissenschaftlicher Nachweis ihrer Wirkung, weder allgemein noch im Zusammenhang mit psychischen Belastungen.
Wichtig: Wenn es um psychische Belastungen, Beziehungsmuster, anhaltende Krisen oder tieferliegende Konflikte geht, ersetzen energetische Angebote keine Psychotherapie oder qualifizierte Beratung. Gerade dann sollte Unterstützung nicht auf Versprechen beruhen, sondern auf einem fachlich verantwortbaren Rahmen.
Transparenzhinweis: Dieser Erfahrungsbericht wurde von uns zur Veröffentlichung vollständig anonymisiert. Alle persönlichen Angaben wurden zum Schutz der betroffenen Person entfernt oder verändert.
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