Wie entsteht spirituelle Autorität im Internet? Warum vertrauen hunderttausende Menschen spirituellen Influencer:innen, obwohl diese weder einer Kirche angehören noch über eine religiöse Autorisierung verfügen?
Mit diesen Fragen hat sich die Religionswissenschaftlerin Dr. Claudia Jetter in ihrer 2024 veröffentlichten Studie beschäftigt. Sie untersuchte, wie spirituelle Influencer:innen im digitalen Zeitalter Autorität aufbauen. Dafür analysierte sie unter anderem Bücher, Websites, Podcasts und Social-Media-Inhalte zweier bekannter Persönlichkeiten der modernen Spiritualität: der deutschen Influencerin und Life Coach Laura Seiler (477K Instagram-Follower) und der US-amerikanischen Autorin und Coach Marianne Williamson (699K Instagram-Follower).
Im Folgenden fassen wir die zentralen Erkenntnisse der Studie auf Deutsch zusammen.
Was die Religionswissenschaftlerin Dr. Claudia Jetter untersucht hat
Die Studie „Spiritual Influencers – New Forms of Authorisation in the Digital Age?“ erschien im Januar 2024 als peer-reviewter Forschungsartikel in der Fachzeitschrift Religion and Development. Als Fallbeispiele wurden Laura Seiler und Marianne Williamson herangezogen. Beide verfügen weder über ein kirchliches Amt noch über eine institutionelle religiöse Autorisierung, werden aber dennoch von sehr vielen Menschen als spirituelle Orientierung wahrgenommen.
Für ihre Analyse wertete Jetter unterschiedliche Quellen und Medien aus. Dazu gehörten Bücher, Websites, Online-Kurse und Social-Media-Inhalte. Im Fall von Laura Seiler flossen zusätzlich Blogbeiträge, Podcastfolgen, ein Magazin sowie ein Kartenset in die Untersuchung ein. Bei Williamson stützte sich Jetter unter anderem auf deren Buch „A Return to Love“, Interviews, ihre Website sowie Instagram-Beiträge.
Wie spirituelle Autorität laut Studie entsteht
Die Studie zeigt, dass sich die Autorität spiritueller Influencer:innen nicht aus formaler Ausbildung oder religiösen Institutionen ableitet, sondern durch mehrere wiederkehrende Elemente entsteht, die sich in beiden Fallbeispielen beobachten lassen.
1. Die eigene Lebensgeschichte wird zur Grundlage von Autorität
Ein zentrales Element, das Dr. Claudia Jetter bei beiden Influencerinnen beschreibt, ist die Rolle der persönlichen Lebensgeschichte. Sowohl Marianne Williamson als auch Laura Seiler stellen ihre eigene Vergangenheit in den Mittelpunkt ihrer Kommunikation.
Dabei folgt die Erzählung einem wiederkehrenden Muster: Eine Phase der Krise, Orientierungslosigkeit oder persönlicher Probleme wird von einem Wendepunkt und einer grundlegenden Veränderung abgelöst.
Jetter verdeutlicht dieses Muster anhand von Marianne Williamsons Buch „A Return to Love“. Williamson beschreibt darin ihre Zwanziger als eine Zeit tiefer Orientierungslosigkeit. Sie habe sich als Außenseiterin gefühlt, die nach Sinn sucht, ohne bei einer bestimmten Tradition oder Institution anzukommen, bis sie auf die Lehren von „A Course in Miracles“ stieß.
Bei Laura Seiler beschreibt Jetter ein ähnliches Muster. In einem Instagram-Post schildert sie, wie sie jahrelang von einer ungesunden Beziehung in die nächste geschlittert sei, mehrere Jobs gleichzeitig gehabt und regelmäßig unter Migräne gelitten habe, bis ein innerer Wendepunkt ihr Leben veränderte.
Diese Entwicklung wird laut der Studie nicht nur erzählt, sondern als Beleg dafür präsentiert, dass die eigenen Methoden funktionieren. Die persönliche Geschichte tritt damit an die Stelle klassischer Formen religiöser Legitimation. Statt einer religiösen Autorisierung, einer institutionellen Einbindung oder einer formalen Ausbildung wird die eigene Erfahrung zu einer wichtigen Grundlage von Autorität.
Die Botschaft lautet: Wer den Weg selbst gegangen ist, kann anderen zeigen, dass sie es auch schaffen können.
Diese Form der autobiografischen Erzählung zieht sich durch Bücher, Social-Media-Beiträge und andere Formate.
2. Spirituelle Traditionen verleihen zusätzliches Gewicht
Neben der persönlichen Lebensgeschichte beschreibt die Wissenschaftlerin einen weiteren wiederkehrenden Mechanismus. Beide Influencerinnen stützen ihre Lehren auf bereits bekannte spirituelle Traditionen.
Bei Marianne Williamson spielt dabei vor allem das Buch „A Course in Miracles“ eine zentrale Rolle. Sie hat die Lehren des Buches aufgegriffen und eng mit ihrer eigenen Lehre verbunden. Laura Seiler greift auf unterschiedliche Quellen zurück. In ihren Büchern und Angeboten finden sich unter anderem Bezüge zu Napoleon Hill, Byron Katie, „A Course in Miracles“, buddhistischen Weisheiten sowie zum hawaiianischen Ho’oponopono-Ritual.
Jetter beschreibt ein Beispiel aus Laura Seilers Kartenset „Mögest du glücklich sein“. Darauf stehen eigene Sprüche direkt neben einem Buddha-Zitat und einem als „Altes indianisches Sprichwort“ gekennzeichneten Spruch. Laut Jetter zeigt das ein typisches Muster, bei dem eigene Aussagen mit bereits etablierten spirituellen Quellen kombiniert werden.
Die Studie zeigt, dass diese Quellen nicht unverändert übernommen, sondern miteinander kombiniert und in die eigene Lehre eingebunden werden. Dadurch entstehen hybride Formen spiritueller Praxis, die verschiedene Traditionen und Vorstellungen miteinander verbinden.
Nach Jetter dienen diese Bezüge nicht nur der Vermittlung spiritueller Inhalte. Sie verleihen den eigenen Aussagen zusätzliches Gewicht und verankern sie in bereits bekannten spirituellen Vorstellungen.
3. Persönliche Nähe stärkt die Autorität
Claudia Jetter beschreibt, dass beide Influencerinnen ihre spirituelle Rolle nicht über Distanz oder formale Autorität aufbauen. Stattdessen kommunizieren sie persönlich und emotional und vermitteln den Eindruck einer Beziehung auf Augenhöhe, allerdings auf unterschiedliche Weise:
- Marianne Williamson erreicht diese Nähe vor allem über ihre autobiografische Erzählweise. Sie präsentiert sich nicht als unnahbare Lehrerin, sondern als jemand, der selbst gesucht, gezweifelt und Krisen durchlebt hat. Laut Jetter interagiert Williamson kaum direkt mit Followern in den Kommentarspalten. Die Nähe entsteht vor allem über die Erzählung selbst, nicht über den direkten Austausch.
- Laura Seiler geht einen anderen Weg. Sie verstärkt den Eindruck von Nähe zusätzlich durch direkte Kommunikation mit ihren Follower:innen, zum Beispiel in Instagram-Kommentaren oder über persönliche Reaktionen auf deren Erfahrungen. Dadurch wirkt die Beziehung weniger wie die zwischen Lehrerin und Schülerin, sondern eher wie die zu einer erfahrenen Begleiterin.
Die Influencerinnen vermitteln: Ich kenne diesen Weg selbst, ich bin ihn bereits gegangen und teile meine Erfahrungen mit dir.
Diese persönliche Nähe ist laut der Studie ein wichtiger Teil ihrer Autorität. Sie macht die Führungsrolle weniger sichtbar, obwohl weiterhin eine Rollenverteilung besteht: Die Influencerinnen geben Impulse, deuten Erfahrungen und zeigen mögliche Wege auf, während ihre Follower:innen diese Orientierung annehmen können.
4. Die spirituelle Rolle zieht sich durch alle Medien
Ein weiterer Befund der Studie ist die konsequente Wiederholung derselben spirituellen Rolle über verschiedene Medien hinweg. Bücher, Podcasts, Websites, Social Media, Kurse, Magazine oder Kartensets stehen nicht unabhängig nebeneinander. Sie erzählen immer wieder dieselbe Geschichte und bestätigen dasselbe Bild der jeweiligen Person.
Bei Marianne Williamson geschieht das vor allem über ihre Bücher, Vorträge, Online-Kurse und Beiträge zu „A Course in Miracles“. Bei Laura Seiler kommt ein noch breiteres Spektrum hinzu: Podcast, Blog, Instagram, Magazin, Kurse und weitere Produkte.
Daraus resultiert Kontinuität. Die persönliche Krise, die spirituelle Wende, die eigene Erfahrung und die daraus abgeleitete Botschaft tauchen immer wieder in unterschiedlichen Formaten auf. Die Person wird so nicht nur über einzelne Inhalte wahrgenommen, sondern als konsistente spirituelle Figur über verschiedene Medien hinweg.
Jetter zeigt damit, dass Autorität nicht allein durch eine einzelne Geschichte oder einen einzelnen Beitrag entsteht. Sie wird über verschiedene Plattformen hinweg immer wieder bestätigt und gefestigt.

5. Spirituelle Autorität entsteht im Zusammenspiel mit den Follower:innen
Claudia Jetter betont, dass spirituelle Autorität nicht allein von den Influencerinnen hergestellt wird. Sie entsteht erst dann vollständig, wenn Follower:innen ihre Erfahrungen, Deutungen und Ratschläge als hilfreich und glaubwürdig anerkennen.
Die Beziehung ist deshalb keine reine Einbahnstraße. Die Influencerinnen bieten ihren eigenen Weg als Orientierung an, die Follower:innen entscheiden jedoch selbst, welche Impulse sie übernehmen und wie lange sie dieser Person folgen. Jetter beschreibt diese Bindung als eher locker und offen. Spirituelle Suchende können sich einer Person zeitweise anschließen, ohne ihre eigene Entscheidungsfreiheit vollständig aufzugeben. Die Follower:innen bleiben dabei nicht nur empfänglich für die vermittelten Inhalte, sondern können die jeweiligen Angebote auch kritisch einordnen und ihre Bindung wieder lösen.
Jetter ordnet diese Form der Führung als „weak leadership“, also als „schwache Führung“, ein. Gemeint ist damit keine fehlende Wirkung oder geringe Bedeutung. Vielmehr tritt die Führungsrolle weniger hierarchisch und verbindlich auf als klassische religiöse Autorität. Die Influencerinnen präsentieren ihre Erfahrungen und Deutungen als Orientierung und bieten mögliche Wege an, ohne eine institutionell abgesicherte oder dauerhaft verbindliche Position einzunehmen.
Die spirituelle Autorität entsteht somit im Zusammenspiel. Die Influencerinnen stellen sich als erfahrene Wegbegleiterinnen dar, ihre Follower:innen erkennen diese Rolle an und bestätigen sie durch Aufmerksamkeit, Vertrauen und die Bereitschaft, ihren Impulsen zu folgen.
Fazit
Die Studie von Dr. Claudia Jetter zeigt, dass weder Marianne Williamson noch Laura Seiler ihre spirituelle Rolle auf ein Amt, eine Ausbildung oder eine kirchliche Autorisierung stützen. Ihre Autorität entsteht stattdessen aus einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren: der eigenen Lebensgeschichte, dem Rückgriff auf bekannte spirituelle Traditionen, persönlicher Nähe zu den Follower:innen und der durchgängigen Wiederholung derselben Geschichte über verschiedene Medien hinweg.
Der entscheidende Punkt der Studie ist, dass diese Form von Autorität nicht einseitig entsteht. Sie hängt genauso von den Follower:innen ab, die diese Rolle anerkennen und annehmen, wie von Williamson oder Seiler selbst. Die Bindung ist dabei eher unverbindlich und reversibel: Spirituelle Suchende können sich einer Person anschließen, deren Angebote annehmen, sie aber auch kritisch hinterfragen oder sich wieder davon lösen.
Die Studie von Dr. Claudia Jetter liefert eine wissenschaftliche Perspektive auf die Frage, wie spirituelle Autorität außerhalb klassischer religiöser Institutionen entsteht. Sie zeigt, welche Rolle persönliche Erfahrung, mediale Präsenz, die Verbindung verschiedener spiritueller Traditionen und nicht zuletzt die Anerkennung durch Follower:innen dabei spielen.
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