Der folgende Erfahrungsbericht wurde uns zur Veröffentlichung zugesandt. Das Foto ist ein Symbolbild und zeigt nicht die betroffene Person.
Hinweis: Der Text enthält sensible Themen rund um Kinderwunsch, Verlust und Schuldgefühle.
„Meine Freundin hatte eine Schamanin besucht und nach dem, was sie von dieser Sitzung erzählte, war ich neugierig geworden. Vielleicht gab es auch etwas, das mir selbst nicht so direkt bewusst war, und das ich noch über mich erfahren konnte, wer weiß. Ich war offen dafür, mir das einmal anzuhören und vereinbarte einen Termin.
Die erste Sitzung dauerte etwa eine Stunde. Ich durfte das Gespräch mit Zustimmung der Anbieterin aufzeichnen. In der Sitzung selbst war ich emotional sehr eingebunden. Erst später, als ich mir die Aufnahme noch einmal anhörte, wurde mir bewusst, wie viele weitreichende Aussagen die Schamanin über mein Leben, meine Familie, meinen Körper und meine Vergangenheit getroffen hatte.
Es kamen sehr viele Themen hintereinander auf, die die Schamanin in den Raum warf: meine Mutter, meine Großmutter, meine weibliche Ahnenlinie, meine Beziehung zu Männern, meine Weiblichkeit, meine Arbeit, mein Zuhause und meinen Körper. Immer wieder sprach sie von Energien, karmischen Verträgen, Ahnen, Heilung, Engeln und davon, was angeblich in meinem Feld sichtbar sei.
Einiges davon fand ich stimmig. Zum Beispiel, dass ich oft funktioniere, viel im Kopf bin und Schwierigkeiten habe, mich wirklich fallen zu lassen. Solche Aussagen kann man wahrscheinlich bei vielen Menschen treffen, aber auf mich wirkten sie in dem Moment persönlich.
Der Begriff „Schamane“ oder „Schamanin“ ist in Deutschland nicht geschützt. Es gibt keine staatlich geregelte Ausbildung dafür. Grundsätzlich kann sich also jede Person so nennen und unter diesem Begriff Heilung, Energiearbeit, Kartenlegen, Seelenreisen, Ahnenarbeit oder Ähnliches anbieten.
Dann fragte sie mich plötzlich, ob ich ein Kind oder ein Kinderwunschkind verloren hätte.
Ich sagte nein. Ich habe kein Kind verloren und habe auch kein Kind. Früher hatte ich durchaus einen Kinderwunsch, aber vermutlich konnte ich nie Kinder bekommen. Es hat nicht sollen sein. Obwohl ich es verneinte, blieb die Schamanin dabei. Mit dem vermeintlichen Verlust des Kindes entwickelte sie weitere Deutungen über meine Weiblichkeit, meine Ängste, meine Partnerschaften und darüber, was angeblich in meinem System gespeichert sei.
Noch stärker traf mich dann die nächste Aussage. Sie sagte mir, ich sei ein alleingeborener Zwilling. Genauer: Ich hätte einen Zwillingsbruder gehabt, der nicht geboren wurde. Ich hätte überlebt, er nicht.
Ich hatte davon vorher noch nie gehört.
Sie erklärte mir, dass so etwas gar nicht so selten sei, dass viele Schwangerschaften ursprünglich Mehrlingsschwangerschaften seien und dass der überlebende Zwilling später oft Schuldgefühle, Scham, Verlustangst, Kontrollbedürfnis oder das Gefühl habe, nicht ganz vollständig zu sein. Dieser verlorene Zwillingsbruder begleite mich aus der geistigen Welt und habe Auswirkungen auf meine Partnerschaften, meine Weiblichkeit und mein Gefühl, nicht richtig hierherzugehören.
In dem Moment war ich total überfordert. Ein Teil von mir dachte: Vielleicht stimmt das, vielleicht erklärt es etwas. Ein anderer Teil dachte: Kann sie da wirklich zu 100% sicher sein oder ist das nur ihre Fantasie?
Und ich, ich kann diese Aussage nicht überprüfen. Meine Mutter lebt nicht mehr und selbst wenn sie noch leben würde, hätte sie es vermutlich nicht gewusst. Es gibt keine Unterlagen, keine Erinnerung, keinen Beweis. Und obwohl die Sitzung nun schon einige Jahre zurückliegt, ist das bis heute mein Problem.
Nach diesem ersten Termin machte ich damals trotzdem noch einen zweiten. Wieder ging es um meine Mutter, zu der ich übrigens eigentlich immer ein gutes Verhältnis hatte, meine Ahnen, meine weibliche Kraft, meine Berufung, mein Zuhause, meine Partnerschaft und darum, dass ich angeblich bestimmte alte Lasten loslassen müsse.
In der zweiten Sitzung vermischte sich sehr viel: Kartenlegen, Trommeln, Singen, Ahnenarbeit, Engel, Energiearbeit, frühere Leben, karmische Verträge, Schutzmäntel, Sternenfamilie, Lichttempel, fremde Energien, negative Anhaftungen, Matrix und atlantische Kristalle. Vieles davon war ehrlich gesagt so weit von meiner Welt entfernt, dass ich innerlich abgeschaltet habe. Aber auch körperliche Themen wurden immer wieder erwähnt, die ich teilweise nicht bestätigen konnte.
Was mich bis heute nicht loslässt, sind diese Fragen. Der angebliche Verlust eines Kindes und der angebliche Verlust eines Zwillingsbruders. Das, was sie mir da mal eben zwischen bevorstehendem Wohnungswechsel (der bis heute nicht stattgefunden hat) und beruflicher Zukunft sagte, wären, wenn es stimmen würde, zwei massive Verluste: ein ungelebtes Kind und ein ungeborener Bruder.
Das Schlimme daran ist, dass man mit diesen Aussagen nach Hause geht und nicht weiß, wie man es einordnen soll. Mit dem Gedanken, vielleicht ein Kind verloren zu haben, und vielleicht einen Zwillingsbruder gehabt zu haben, der nicht leben durfte. Niemand fängt einen danach auf. Die Sitzung ist vorbei, die Schamanin hat gesprochen, getrommelt, gesungen und man drückt ihr hundert Euro in die Hand. Danach bleibt man allein mit dem, was gesagt wurde. Ohne fachliche Begleitung und ohne Wissen, wie man mit diesen Aussagen umgehen soll.
Für schamanische Angebote gibt es in Deutschland keine eigene fachliche Aufsicht und keine verbindlichen Standards. Niemand kontrolliert, welche Ausbildung ein:e Anbieter:in hat, welche Methoden er bzw. sie nutzt oder welche Aussagen er bzw. sie über das Leben einer ratsuchenden Person trifft.
Diese Informationen wurden einfach so in mein Leben gestellt, aber ob die Schamanin überhaupt weiß, was sie damit angerichtet hat, ist fraglich. Und ich finde es auch nicht richtig, ehrlich gesagt.
Und die Fragen kehren seitdem immer wieder zurück. Sollte ich um jemanden trauern? Muss ich Schuldgefühle haben, weil ich leben durfte und er nicht? Ist das Teil meiner Lebensgeschichte – ja oder nein?
Später erfuhr ich, dass auch andere Frauen aus meinem entfernteren Freundeskreis bei dieser Schamanin waren und ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Zweien von ihnen wurde ebenfalls gesagt, sie seien alleingeborene Zwillinge. War das einfach nur ein merkwürdiger Zufall oder eine Information, die einfach ins Standard-Repertoire der Schamanin gehörte?
Ich möchte nicht behaupten, dass alles falsch war. Ich kann es nicht wissen. Aber wenn eine Anbieterin so tiefgreifende, persönliche Aussagen trifft, dann ist das keine harmlose Symbolik mehr. Es berührt die eigene Herkunft, den eigenen Körper, die eigene Familie und das eigene Leben.
Ich bin mit Fragen in diese Termine gegangen. Herausgekommen bin ich mit zwei Verlustgeschichten, die ich vorher nicht hatte. Und bis heute frage ich mich, ob das wirklich mich betraf oder ob mir etwas angehängt wurde, das ich nie wieder richtig loswerde.”
Einschätzung der Redaktion
Der Erfahrungsbericht zeigt eines der zentralen Probleme von esoterischen Angeboten: Ratsuchenden werden sehr viele Informationen über ihr Leben, ihre Familie, ihren Körper, ihre Vergangenheit und ihre angebliche innere Geschichte gegeben. Diese Aussagen sind oft nicht überprüfbar, können aber trotzdem tief in das eigene Selbstbild eingreifen.
Entscheidend ist dabei nicht nur, dass solche Aussagen unbelegt sind. Entscheidend ist, dass sie lebensverändernd sein können. Wenn eine Person mit vermeintlich „höherem Wissen“ sagt, man habe ein Kind verloren, man sei ein alleingeborener Zwilling, man trage Ahnenlasten oder habe bestimmte karmische Themen in sich, dann sind das keine harmlosen Informationen mehr. Es sind Behauptungen über Herkunft, Verlust, Schuld, Körper, Familie und Identität.
Das Problem: Niemand kann im Nachhinein sicher sagen, was davon stimmt und was nicht. Niemand kann sagen, ob es sich um Fantasie, starke Intuition, suggestive Deutung oder schlimmstenfalls Betrug handelt. Für die betroffene Person bleiben die Aussagen aber trotzdem im Raum.
Besonders belastend ist, wie man hier sehen kann, dass solche Informationen nach der Sitzung nicht einfach verschwinden. Sie können zu Fragen werden, die immer wieder zurückkehren: Gehört das wirklich zu meinem Leben? Muss ich damit etwas machen? Habe ich etwas verloren, von dem ich vorher gar nichts wusste?
Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass Schamanismus, Kartenlegen, energetische Heilung oder mediale Wahrnehmung verlässliche Aussagen über ungeborene Zwillinge, frühere Leben, karmische Verträge, Ahnenlasten oder persönliche Lebensursachen ermöglichen.
Wer nach einer solchen Sitzung verunsichert ist, ständig über die Aussagen nachdenken muss oder Schuldgefühle entwickelt, sollte sich Unterstützung außerhalb dieses Kontextes suchen, zum Beispiel in einer psychotherapeutischen Sprechstunde oder bei einer qualifizierten Beratungsstelle.
Transparenzhinweis: Die betroffene Person hat uns die Aufzeichnungen beider Gespräche zur Verfügung gestellt. Der Erfahrungsbericht wurde von uns zur Veröffentlichung vollständig anonymisiert. Alle persönlichen Angaben wurden zum Schutz der betroffenen Person entfernt oder verändert.
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