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Moderne Spiritualität

Die neuen Insta-Priesterinnen – Wie man mit Gott Geld verdient

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Illustration einer Insta-Priesterin von hinten, mit erhobenen Armen und farbigen, auraartigen Konturlinien.

Sie tragen fließende Gewänder oder Kimonos, veröffentlichen selbst entworfene Gebete, sprechen Segnungen aus und erklären, Zugang zum Göttlichen zu haben. Manche nennen sich selbst „Priestess“, andere treten als Life- oder Spiritual-Coach auf. Bei wieder anderen bleibt offen, worauf ihre vermeintliche spirituelle Autorität eigentlich beruht.

Zwischen Blessings, Prayers, Vergebung und der unendlichen Güte, die einem auf diesen Accounts entgegenschlägt, wird Gott als neue Instanz eingebunden. Er ist der neue Füllstoff für mehr Glück und weniger Krise. Jetzt geht es um Erleuchtung, die es zu erreichen gilt: Gott ist alles – nur ohne lästigen Religionsunterricht, dafür mit einem Preisschild.

Was mich dabei immer mehr erstaunt: Warum in aller Welt fragt niemand danach, wie viel maßlose Dekadenz, wie viel Respektlosigkeit und wie viel Größenwahn nötig sind, um sich selbst priesterliche Autorität zuzuschreiben?

Gottesgläubig, aber nicht religiös

Wer Menschen jahrelang Hoffnung verspricht und verkauft, das Traumleben warte gleich an der nächsten Ecke (oder besser gesagt: hinter dem nächsten Produkt) gerät früher oder später unter Rechtfertigungsdruck. Beim lukrativen Geschäftsmodell der Manifestation zum Beispiel dürften viele inzwischen trotz zahlreicher Kurse und Bücher festgestellt haben, dass das Universum nicht liefert. Reich werden dabei vor allem diejenigen, die das magische Denken verkaufen – nicht diejenigen, die es anzuwenden versuchen.

Wie entkommt man also möglichen Zweifeln der Community und der herannahenden Enttäuschung der Followerinnen, wenn die größte Währung einer spirituellen Influencerin Vertrauen ist? Ganz einfach: Die Autorität muss wachsen, die präsentierte Güte, Liebe und Dankbarkeit ebenfalls. Am besten funktioniert das mit einem Amt, das unantastbar ist: dem der Priesterin.

Was bei moderner Spiritualität bereits erfolgreich war – sie verlangt weder eine Ausbildung noch eine nachprüfbare Qualifikation –, funktioniert bislang auch bei dieser neuen Berufung problemlos. Religion spielt dabei kaum eine Rolle. Bibel, Kirche, Theologie und religiöse Traditionen bleiben außen vor. Trotzdem beanspruchen diese Frauen exklusives Wissen darüber, was Gott ist, wie göttliche Führung offenbar funktioniert und wie Frauen Zugang zu ihr finden können.

Die Distanz zur Religion ist bequem: Gott darf bleiben, ebenso Gebet, Segen und sakrale Autorität. Draußen bleiben Geschichte, Tradition, Gemeinschaft, Widerspruch und vor allem das zweite Gebot: „Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen.“

Ein Gott, der alles gutheißt

Wie bekommt man es nun hin, Gott und den eigenen privilegierten Lifestyle, den man schließlich mit dem ständigen Fülle-Versprechen verkaufen möchte, zusammenzubringen? Auch das ist einfacher als gedacht, wenn man die Erzählung über Gott passend neu interpretiert. Das hat bei der Spiritualität schließlich auch schon funktioniert. Das Versprechen von Erlösung und Heilung bleibt dabei bestehen.

Gott will, dass es uns gut geht, heißt es. Wir müssen nicht perfekt sein, hört man die göttlich geführte Influencerin sagen, und die Followerinnen wirken erleichtert. Endlich keine tägliche Selbstoptimierung mehr, sondern ein Leben in Demut und Dankbarkeit. Wobei, Moment: Der nächste Online-Kurs startet ja schon bald, in dem ich das Göttliche in mir entdecken soll. Die Influencerin hat es bereits gefunden – und für ein paar hundert Euro kann ich das auch, sagt sie.

Mit dieser Erzählung lässt sich fast alles rechtfertigen: Im Reichtum leben und nach immer mehr streben? Kein Problem, Gott will ja, dass es einem gut geht und man in Fülle lebt. Fehler machen? Auch das ist schnell erklärt. Gott will ja, dass wir an unseren Fehlern wachsen. Egal, welches Thema man sich hier vornimmt: Es findet sich stets eine Erklärung, die es leicht macht zu glauben, Gott sei immer für mich da.

Wenn Gott für Esoterik und Selbstoptimierung herhalten muss

Gott ist nicht nur allmächtig, er ist auch extrem vielseitig, wenn man den Influencerinnen zuhört. Da lernt man: Gott sei keine Instanz außerhalb von uns, sondern eine Kraft in unserem Inneren. Und dann steht plötzlich Tarot neben Nervensystemarbeit, Traumleben neben Trauma, Ahnenlasten neben Frequenzen und nun auch das göttliche Licht, das uns durch all unser Leid zur Erlösung führen soll.

Ob diese ganzen Themen inhaltlich zusammenpassen, spielt dabei kaum eine Rolle. Sie müssen vor allem Gefühle auslösen und vertrauensbildend wirken – und sich gut verkaufen lassen.

Die aktuellen Energien verlangen nach einem Neuanfang, zu dem gerade der passende Kurs angeboten wird. Von dort führt der Weg zum nächsten kostenlosen Event, das wiederum den Verkauf eines neuen Programms vorbereitet. Zuerst präsentiert sich die Anbieterin als Kanal göttlicher Führung, danach erklärt sie, welches Angebot nun der folgerichtige nächste Schritt sei.

Die göttlichen Begriffe geben diesen Angeboten zusätzliches Gewicht. Das göttliche Licht und die heilige Essenz warten darauf, entdeckt und erlernt zu werden. Eine Influencerin ist eine Influencerin, eine „Priestess“ scheint hingegen berufen. Wer behauptet, von einer höheren Kraft geführt zu werden, ist nicht mehr nur eine gewöhnliche Kursanbieterin, sondern jemand, der über einen besonderen Zugang zum ultimativen Glück verfügt.

Der Warenkorb des Heiligen

Viele spirituelle Influencerinnen bedienen sich seit Jahren bei Religionen, Kulturen und spirituellen Traditionen, als handele es sich um ein kostenloses Warenlager. Ein Namaste hier, eine Mala dort, ein schamanisch klingendes Ritual, dazu Tarot, Räuchern, Klangschalen und Seelenweg – Social Media braucht Abwechslung. Alles lässt sich aus seinem ursprünglichen Zusammenhang lösen, miteinander vermischen und unter einem neuen Namen anbieten.

Dabei fehlt es offenbar nicht nur an Wissen über die jeweiligen Ursprünge. Häufig fehlt auch der Respekt vor den Gemeinschaften und Traditionen, in denen diese Symbole und Praktiken entstanden sind. Übernommen wird, was alt, exotisch, geheimnisvoll und bedeutungsvoll aussieht. Was Bindung, Demut oder eine ernsthafte Auseinandersetzung verlangt, bleibt zurück.

Das eigentlich Absurde daran: Sie übernehmen etwas, weil es heilig ist, und zeigen durch ihren Umgang damit, dass ihnen offenbar nichts mehr heilig ist.

So sieht man nur das Gewand, während die Tradition dahinter verschwindet. Der Segen wird übernommen, die Religion dahinter jedoch ausgeblendet. Auch die Autorität einer Priesterin wird beansprucht, ohne die Verantwortung zu übernehmen, die eine solche Rolle normalerweise mit sich bringt. Religion wird auf diese Weise nicht weiterentwickelt, sondern als Material für die eigene Marke benutzt. Das Heilige ist kein Gegenüber mehr, an dem man sich orientiert oder auch reibt. Es wird zur Ausstattung.

Gott als Verkaufshelfer

Hinter den Kulissen produzieren die Teams spiritueller Personenmarken ständig neue Produkte mit dazu passenden, leicht konsumierbaren Themen, um die nächsten Angebote vorzubereiten. Mithilfe von KI lässt sich die Ansprache sogar noch gezielter auf die Bedürfnisse von Frauen zuschneiden. Dieser Output ist nicht belanglos. Frauen wird hier nicht nur ein Online-Kurs oder ein Buch verkauft, sondern ein ganzes Weltbild. Eines, das sich in vielen Bereichen weit von der Realität und vom eigentlichen Kern der Spiritualität entfernt.

Darin werden Zweifel zu Blockaden, Krisen zu Botschaften, Misserfolge zum Ergebnis falscher Energie, Mangelgefühle zu notwendigen Lösungsaufgaben und Kaufentscheidungen zu Schritten in die eigene Wahrheit. Das Universum führt, die Orakel- oder Tarotkarten weisen den Weg und die Seele ruft, während die Anbieterinnen zufällig über die passende, kostenpflichtige Übersetzung verfügen.

Sie versprechen Selbstermächtigung und bleiben zugleich diejenigen, die erklären, was ihre Kundinnen fühlen, was deren Seele will und welcher Schritt als Nächstes ansteht. Die Frau soll ganz zu sich selbst finden, benötigt dafür jedoch immer wieder dieselbe Person.

Das Phänomen der Gleichgültigkeit

Eines der Dinge, die mich an den Themen rund um die moderne Spiritualität am meisten faszinieren, ist dieser Widerspruch: Alles dreht sich um Achtsamkeit, Bewusstheit und Bewusstsein, und doch werden die unzähligen Red Flags übersehen. Kaum jemand fragt, warum eine Influencerin plötzlich in der Lage sein soll, zu segnen oder göttliche Botschaften zu empfangen. Ebenso wenig fällt offenbar auf, dass das, was hier passiert, das Gegenteil von christlicher Demut ist: maßlose Selbsterhöhung.

Vielleicht sind wir inzwischen zu sehr daran gewöhnt, dass Laien auf Social Media zu selbsternannten Expert:innen werden. Wissenschaft, Psychologie, Spiritualität – alles ist möglich. In diesem Fall überdecken vermutlich das Dauerlächeln, die präsentierte unendliche Güte, das göttliche Licht und die vermeintliche Allwissenheit das, was eigentlich darunter liegt. Liebe, Licht und Dankbarkeit klingen schließlich nicht nach Macht und Selbstinszenierung.

Ich frage mich heute schon, welcher Auswuchs auf die Priesterin folgen wird. Eine Steigerung scheint da kaum noch möglich, aber die Marketingteams werden sich sicher etwas einfallen lassen.

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Geschrieben von
Ute Kranz

Als Gründerin von HappyNotHappy und studierte Kommunikationswirtin mit über 20 Jahren Erfahrung in Medien und Marketing beschäftige ich mich damit, wie Selbstverwirklichung, Sinnsuche und Social Media zusammenhängen – und wie wir herausfinden, was wirklich zu uns passt.

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