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Klassische Spiritualität

Wie klassische Spiritualität unser Leben bereichern kann

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Klassische Spiritualität: Junge Frau erlebt einen ruhigen Moment zwischen Farnen in der Natur
Foto © Tsunami Green / Unsplash

Unsere Welt ist laut geworden. Wir haben mehr Möglichkeiten, Informationen und Entscheidungen als wohl jede Generation vor uns, und vieles davon macht unser Leben freier und spannender. Gleichzeitig wird es schwieriger, zu erkennen, was uns wirklich wichtig ist und womit wir uns verbunden fühlen.

Deshalb kann klassische Spiritualität heute einen besonderen Wert haben. Sie bietet die Möglichkeit, aus dem ständigen Strom von Informationen und Anforderungen herauszutreten und den Blick wieder auf das eigene Leben zu richten. Nicht, weil sich etwas ändern muss, sondern weil manches erst sichtbar wird, wenn wir ihm Aufmerksamkeit schenken.

Klassische spirituelle Traditionen bieten dafür seit Jahrhunderten unterschiedliche, oft erstaunlich zeitlose Wege. Gemeint sind überlieferte religiöse und spirituelle Praktiken, die lange vor der heutigen modernen Spiritualitätskultur entstanden sind. Man muss dafür weder religiös sein noch sein Leben umstellen. Wir haben uns angesehen, welche Aspekte unser Leben besonders bereichern können.

Es geht vielmehr um eine andere Art, dem eigenen Leben und der Welt zu begegnen.

1. Stille und meditative Praxis

Ein großer Teil unseres Lebens ist darauf ausgerichtet, etwas zu erledigen, zu erreichen oder zu verbessern. In der Stille können diese Anforderungen für einen Moment zurücktreten. Meditation, Kontemplation und schweigendes Gebet haben in vielen spirituellen und religiösen Traditionen eine lange Geschichte, etwa in der kontemplativen Gebets- und Klostertradition des Christentums.

Meditation dient nicht dazu, uns produktiver, erfolgreicher oder ausgeglichener zu machen und auch der viel beschworene vollkommen leere Kopf ist kein Zustand, den wir unbedingt herstellen müssen.

Wir können einfach wahrnehmen, was da ist, Gedanken kommen und gehen lassen und mit der Aufmerksamkeit immer wieder in den Moment zurückkehren. Stille kann dabei ganz unterschiedlich entstehen: während einer Meditation, bei einem Spaziergang in der Natur, an einem ruhigen Ort oder einfach für ein paar Minuten zu Hause. Es muss nichts Besonderes passieren.

2. Rituale und Wiederholung

Rituale gehören seit Jahrtausenden zum menschlichen Zusammenleben. Sie markieren Geburt und Tod, Abschiede und Neuanfänge, Feste und Jahreszeiten, können aber auch im normalen Leben ihren Platz haben: eine Kerze am Morgen, der Sonntagsspaziergang, ein Moment der Stille vor dem Essen oder ein handyfreier Abend. Das Schöne an Ritualen ist ihre Wiederholung.

In einer Welt, in der wir ständig auswählen und entscheiden können, kann das Wiederkehrende etwas sehr Beruhigendes haben. Es gibt unserem Leben einen Rhythmus und schafft kleine Räume, die ihren festen Platz haben, ohne dass wir uns jedes Mal neu dafür entscheiden müssen.

Und ein Ritual muss auch nicht jedes Mal etwas in uns auslösen. Manchmal fühlt es sich besonders an, manchmal ganz gewöhnlich. Sein Wert liegt nicht unbedingt in der Intensität des Erlebnisses, sondern auch darin, dass es wiederkehrt und uns begleitet.

3. Im Hier und Jetzt leben

Wir verbringen erstaunlich viel Zeit an Orten, an denen wir gerade gar nicht sind. Beim Frühstück denken wir an die Arbeit, bei der Arbeit ans Wochenende, am Abend an ein Gespräch, das längst vorbei ist. Dazu kommen Nachrichten und soziale Medien, durch die unsere Aufmerksamkeit ständig bei dem ist, was irgendwo auf der Welt oder im Leben anderer passiert.

Spirituelle Praxis kann die Aufmerksamkeit zurückholen zu dem, was tatsächlich geschieht: beim Essen, beim Spaziergang, im Gespräch oder bei einer gewöhnlichen Tätigkeit. Dabei muss nicht jeder Augenblick besonders intensiv erlebt werden.

Gegenwärtig zu sein bedeutet zunächst nur, das eigene Leben nicht ständig gedanklich zu überspringen.

Dieses Leben findet nicht irgendwann statt, wenn wir endlich alles erledigt, verstanden oder erreicht haben. Es findet auch an einem vollkommen unspektakulären Mittwochmorgen statt, während wir Kaffee trinken und aus dem Fenster schauen.

Klassische Spiritualität: Barfuß am Wasser stehen und bewusst einen Stein wahrnehmen
Wer sich Zeit für die Natur nimmt, entdeckt oft die kleinen Dinge wieder: einen besonderen Stein, das Wasser unter den Füßen oder etwas, an dem der Blick sonst einfach vorbeigegangen wäre. (Foto: Pexels / Pixabay)

4. Verbundenheit erleben

Wir leben in Beziehungen zu anderen Menschen, zu Tieren, zur Natur und zu der Welt, die uns umgibt. Klassische Spiritualität kann diese Verbundenheit bewusster erfahrbar machen. Besonders unmittelbar lässt sie sich häufig in der Natur erleben.

Ein Spaziergang im Wald, Zeit im Garten, das Beobachten von Vögeln, das Meer oder ein klarer Nachthimmel können uns spüren lassen, dass wir Teil einer größeren Welt sind. Auch zwischen Menschen entsteht Verbundenheit: wenn jemand wirklich zuhört, wenn wir gemeinsam essen, lachen, schweigen oder einen schwierigen Moment miteinander aushalten.

Das eigene Leben ist wichtig, aber es dreht sich nicht ausschließlich um uns selbst.

5. Dankbarkeit – ohne Gegenleistung

Dankbarkeit spielt in vielen spirituellen und religiösen Traditionen eine wichtige Rolle. Dabei ist sie nicht an die Erwartung einer Gegenleistung geknüpft. In manchen Formen moderner Spiritualität und Esoterik begegnet uns dagegen die Vorstellung, Dankbarkeit könne unsere Energie verändern, mehr Fülle anziehen oder auf andere Weise dafür sorgen, dass etwas zu uns zurückkommt.

Klassisch verstanden bedeutet Dankbarkeit vielmehr wahrzunehmen, dass vieles, was unser Leben trägt, weder selbstverständlich noch allein von uns geschaffen ist: Menschen schenken uns Zeit und Zuneigung, wir erhalten Unterstützung oder erleben schöne Augenblicke, ohne sie geplant zu haben. Das verlangt nicht, schwierige Erfahrungen schönzureden. Dankbarkeit muss nichts bewirken, kann aber unseren Blick auf das verändern, was bereits da ist.

Dankbarkeit muss nichts bewirken. Sie verändert aber möglicherweise unseren Blick auf das, was bereits da ist.

6. Mitgefühl und Hinwendung zu anderen

Mitgefühl, Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und Fürsorge gehören in vielen spirituellen und religiösen Traditionen selbstverständlich zusammen. Die Beziehung zu anderen Menschen und die Bereitschaft, füreinander Verantwortung zu übernehmen, sind damit ein wesentlicher Teil von Spiritualität.

Das kann bedeuten, jemanden ganz praktisch zu unterstützen, Zeit zu schenken, sich um einen Menschen zu kümmern, der Hilfe braucht, etwas zu teilen oder sich für andere einzusetzen. Solche Erfahrungen können unser Leben bereichern, weil Fürsorge und Mitgefühl Beziehungen schaffen, die über die eigenen Bedürfnisse hinausgehen, und weil es ebenso erfüllend sein kann, etwas zu geben, wie selbst Unterstützung zu erfahren.

Auf diese Weise kann Spiritualität auch unseren Umgang miteinander prägen. Sie bleibt nicht nur eine persönliche Erfahrung, sondern findet ihren Ausdruck darin, wie offen, aufmerksam und menschlich wir anderen begegnen.

7. Mit Schmerz, Trauer und Ungewissheit umgehen

Abschiede, Verluste und Zeiten, in denen wir nicht wissen, wie es weitergehen soll, haben in klassischen spirituellen Traditionen ihren Platz. Menschen finden dafür unterschiedliche Wege: Rückzug und Stille, Gespräche und Gebete, Abschiedsrituale, gemeinsames Erinnern oder die Nähe anderer. Für manche kann auch der Glaube an Gott oder etwas, das über das eigene Leben hinausgeht, Trost geben.

Trauer und Schmerz dürfen dabei ihren Platz haben und brauchen ihre Zeit. Ein Verlust muss keine Lektion sein und aus einer schweren Erfahrung muss nicht zwangsläufig Wachstum entstehen. Spiritualität kann Halt geben, wenn etwas nicht zu ändern ist, und dabei helfen, auch mit Fragen zu leben, auf die wir vielleicht keine Antwort finden.

Spiritualität kann dann weniger darin bestehen, eine Antwort zu finden, als darin, auch mit einer offenen Frage weiterleben zu können.

8. Mit Demut die eigene Perspektive erweitern

Demut klingt zunächst vielleicht nach Unterordnung oder Kleinmachen. Im spirituellen Sinn bedeutet sie jedoch, die eigenen Möglichkeiten und Grenzen anzuerkennen und offen dafür zu bleiben, dass es vieles gibt, das größer ist als unser Wissen und Verstehen.

Das kann entlasten: Wir müssen nicht auf alles eine Antwort haben und nicht alles beeinflussen können. Zugleich kann Demut den Blick für andere Perspektiven öffnen und Raum für Staunen schaffen. Die Natur, ein weiter Sternenhimmel oder etwas, das uns tief berührt, können uns spüren lassen, wie viel es jenseits dessen gibt, was wir selbst überblicken können.

Wir müssen nicht auf alles eine Antwort haben, nicht jede Entwicklung vorhersehen und auch nicht alles beeinflussen können. Manches dürfen wir offenlassen, anderes können wir annehmen, wie es ist.

9. Mit Verzicht kann weniger wieder wertvoller werden

Wir leben in einer Zeit, in der uns unglaublich viel zur Verfügung steht. Wir können rund um die Uhr einkaufen, uns unterhalten lassen und aus einer endlosen Menge an Angeboten wählen. Vieles, was früher besonders war, ist dadurch selbstverständlich geworden.

Freiwilliger Verzicht kann diese Selbstverständlichkeit für eine Weile unterbrechen. Fastenzeiten und andere Formen bewussten Verzichts sollen nicht bedeuten, sich möglichst viel zu versagen.

Bewusster Verzicht kann uns vielmehr wieder wahrnehmen lassen, was wir tatsächlich brauchen, was uns Freude macht und was wir nur aus Gewohnheit konsumieren.

Und manches bekommt einen ganz anderen Wert, wenn es eine Zeit lang nicht selbstverständlich verfügbar war.

Klassische Spiritualität: Zwei Frauen unterstützen sich bei einer gemeinsamen Wanderung im Wald
Gemeinschaft und füreinander da zu sein können unser Leben auf eine ganz unmittelbare Weise bereichern. (Foto: Getty Images / Unsplash)

10. Gemeinschaft erleben

Spiritualität wurde über Jahrhunderte häufig gemeinsam gelebt. Menschen beteten und meditierten miteinander, sangen, feierten, fasteten, trauerten und aßen gemeinsam. Auch heute kann Gemeinschaft in einer Meditationsgruppe, in einem Kloster, bei einem Retreat oder mit Menschen entstehen, mit denen Gespräche möglich sind, für die sonst wenig Raum bleibt.

Dabei müssen nicht alle dasselbe glauben. Fragen miteinander teilen zu können, ohne sofort eine Antwort darauf finden zu müssen, kann bereits guttun.

Zweifel, Hoffnung, Trauer und Sinnsuche gehören nicht nur zu unserem ganz persönlichen Leben. Sie gehören zum Menschsein.

Klassische Spiritualität ist eine Einladung

Vielleicht ist das am Ende das Schöne an klassischer Spiritualität: Sie stellt keine Bedingungen. Niemand muss meditieren, an Gott glauben oder Rituale praktizieren, und es gibt keinen Maßstab dafür, wie spirituell man sein sollte. All das sind Angebote, die uns ansprechen können oder nicht. Ob ein Moment der Stille, ein Spaziergang ohne Kopfhörer oder ein Gespräch, bei dem wir dem anderen unsere Aufmerksamkeit schenken.

Was davon wertvoll ist, entdeckt jeder für sich. Manches begleitet uns vielleicht über Jahre, anderes wird nur in bestimmten Lebensphasen wichtig. Spiritualität muss dabei weder Aufgabe noch Identität werden, sondern darf einfach eine Einladung bleiben, dem eigenen Leben auf unterschiedliche Weise mehr Tiefe, Verbundenheit oder auch Halt zu geben.

Wichtig: Spiritualität ist kein Konsum, keine Selbstinszenierung und kein ständiges Besserwerden. Sie ist kein Wunschdenken, kein magischer Zugang zu einer verborgenen Welt und kein Versprechen auf Erfolg oder finanzielle Fülle. Sie macht uns nicht automatisch zu besseren Menschen, bemisst sich nicht an Äußerlichkeiten und muss nach außen überhaupt nicht sichtbar sein.

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Geschrieben von
Ute Kranz

Als Gründerin von HappyNotHappy und studierte Kommunikationswirtin mit über 20 Jahren Erfahrung in Medien und Marketing beschäftige ich mich damit, wie Selbstverwirklichung, Sinnsuche und Social Media zusammenhängen – und wie wir herausfinden, was wirklich zu uns passt.

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