Hand im Lichtstrahl als Symbol für Channeln und Kontakt zur geistigen Welt

Foto © Esra Erdem · Pexels

Channeln – Das lukrative Business mit der geistigen Welt

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Es gibt Dinge, von denen man erst erfährt, wenn der Algorithmus einen in eine unbekannte Welt mitnimmt. Zum Beispiel zu einem sogenannten Channeling, auf das man zufällig stößt. Eine Influencerin hat gerade eine Botschaft aus der geistigen Welt empfangen und gibt sie an ihre Followerinnen weiter. Kostenlos und offenbar ganz uneigennützig – nur mit dem Wunsch, dass die Botschaft das Leben derjenigen verändert, die sie hören.

Klingt interessant, wer möchte schließlich nicht wissen, was unbekannte Mächte und Ahnen zu sagen haben? Ob die geistige Welt auch damit einverstanden ist, dass auf die Botschaft ein Sales-Funnel mit einem Special Price für das thematisch passende Produkt, Buch oder den Online-Kurs folgt, ist allerdings fraglich. Ganz zu schweigen davon, ob die Durchsagen aus dem Jenseits überhaupt echt waren.

Medium sein – nicht mehr nur für Auserwählte

Beim Channeling empfängt ein Mensch dem Glauben nach Botschaften von Verstorbenen, Geistführern oder Spirit Guides, Engeln oder anderen Wesenheiten. Was genau dahintersteckt, haben wir bereits in diesem Artikel beschrieben.

Was noch vor wenigen Jahren eher im privaten Kreis stattfand, weil Esoterik als schwurbelig galt, ist seit ein paar Jahren nun auf Social Media angekommen. Und daraus ist ein entsprechend lukratives Business entstanden. Seitdem man damit richtig gut Umsatz machen kann, soll das Channeln nun nicht mehr nur einigen wenigen vorbehalten, sondern für praktisch jede:n erlernbar sein.

Wie cool ist das – jetzt steht also die Möglichkeit im Raum, selbst Kontakt zu Oma Hedwig oder die viel zu früh verstorbene Tante Erna aufzunehmen. Mehr noch: Man kann aus dem Channeln einen Beruf machen, ohne vorgeschriebene Ausbildung, staatlich anerkannten Abschluss oder irgendeinen Nachweis, dass man die behauptete Fähigkeit tatsächlich besitzt.

Das Einzige, was man tun muss, um endlich selbst als Medium durchstarten zu können: einen vierstelligen Betrag für die Ausbildung auf den Tisch legen.

Bis heute ist wissenschaftlich nicht nachgewiesen, dass gechannelte Botschaften tatsächlich von Verstorbenen, Geistführern oder einer ‚geistigen Welt‘ stammen.

– Quelle: PubMed (2020)

Eingebung, Fantasie oder Marketing – wer weiß das schon?

Natürlich kann ein Mensch vollkommen überzeugt sein, eine Botschaft empfangen oder „gechannelt“ zu haben. Ob es sich um Fantasie, einen Traum, eine intuitive Eingebung oder etwas anderes handelt, ist dabei unerheblich. Solange es um das eigene Erleben geht, ist das seine private Angelegenheit. Anders sieht es jedoch aus, sobald andere Menschen für diese Botschaften bezahlen sollen oder sie als Verkaufsargument eingesetzt werden.

„Diese Meditation habe ich geschrieben“ und „Diese Meditation wurde mir aus der geistigen Welt übermittelt“ klingen ähnlich, sind aber zwei sehr verschiedene Aussagen. Die zweite verspricht eine besondere Herkunft, zu der nicht jede:r Zugang hat. Damit lassen sich Readings, Kurse und alles andere, was moderne Spiritualität und Esoterik im Angebot haben, deutlich besser verkaufen. (→ Spiritual Washing)

Und so häufen sich die gechannelten Empfängnisse auf Instagram.

Bei der einen war es eine besonders dunkle, stille Nacht an einem besonderen Ort, an dem diese spezielle Nachricht zu ihr kam. Eine andere berichtet, Engel hätten ihr aufgetragen, ihre Botschaften in Buchform weiterzugeben. Bei einer anderen wiederum gehört es für die Follower:innen zum ganz normalen Alltag, einer „Außerirdischen“ zu folgen, die regelmäßig mit Geistwesen kommuniziert.

Interessanterweise geht das Channeln häufig mit großem Erfolg in Sachen Reichweite und entsprechendem Umsatz einher. Denn das Wunderbare für die Anbieter:innen ist ja, dass das Ergebnis nicht überprüft werden kann. Für die Botschaften selbst gibt es keine Garantie, kein Rückgaberecht und vor allem keine Möglichkeit, ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen – ein ökonomischer Traum.

3.000 Hellseher:innen, 3.000 falsche Hinweise

Im Vermisstenfall Anabel Segura überprüfte die Polizei jeden Hinweis. (Belohnung: 90.000 Euro). Kein Hinweis war richtig.

– Quelle: Netflix-Dokumentation „900 Tage ohne Anabel“ (2024)

Wo keine Regeln, da ein unregulierter Markt

Je öfter der Algorithmus einen in die magischen Sphären des Channelings zieht, desto normaler kann all das wirken. Influencer:innen mit riesiger Reichweite sprechen völlig selbstverständlich darüber und begeisterte Follower:innen bestätigen das Gesagte ohne erkennbaren Zweifel: Es muss diese geistige Welt wirklich geben, eine Bestimmung, einen individuellen Plan. Zugegeben, das fühlt sich gut an. Sicher und voller Zuversicht.

Und irgendwann sitzt man womöglich selbst bei einer solchen Frau oder einem solchen Mann im Wohnzimmer oder vor dem Laptop. Gebucht ist ein dreistelliges Rundumpaket mit Kartenlegen, Energiesitzung und persönlichem Reading, um durch das Medium noch mehr über sich und diese kosmische Welt zu erfahren.

Vielleicht erfährt man dabei, dass man einmal unwissentlich schwanger gewesen sei und das Kind verloren habe. Dass der verstorbene Vater unbedingt noch sagen wolle, wie sehr er einen geliebt hat. Oder dass man für etwas Höheres bestimmt sei, das sich im Moment nur noch nicht zeigt. Vielleicht aber in der nächsten Sitzung, wenn sich die neuen Energien gefestigt haben.

Ob all das Gesagte stimmt, lässt sich nicht überprüfen. Aber es kann den Blick auf die Familie, die Vergangenheit oder die eigene Biografie verändern. Durch eine Botschaft von einer Person, deren behauptete mediale Fähigkeiten nicht überprüft werden können.

Während über künstliche Intelligenz gerade leidenschaftlich gestritten wird – woher ein Text stammt, wer ihn geschrieben hat und ob das gekennzeichnet werden muss –, gibt es eine ganze Branche, in der Texte aus einer anderen Dimension kommen dürfen. Dort fällt die Quellenprüfung bislang komischerweise etwas großzügiger aus.

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Als Gründerin von HappyNotHappy und Kommunikationswirtin mit über zwanzig Jahren Erfahrung in Medien und Marketing beschäftige ich mich mit Selbstverwirklichung, Sinnsuche und der Frage, wie wir herausfinden, was wirklich zu uns passt.

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