Geld verdienen, während man irgendwo in der Ferne unter einer Palme sitzt und es sich gut gehen lässt – wer will das nicht? Viele Influencer:innen und Coaches vermitteln, dass man endlich nicht mehr hart arbeiten, sondern sein Geld clever verdienen soll: Einmal eine Website aufbauen, regelmäßig ein paar Artikel schreiben oder Videos veröffentlichen, passende Produkte verlinken, und anschließend kommt ganz automatisch jeden Monat Geld aufs Konto.
Das Konzept hinter dieser Form des passiven Einkommens heißt Affiliate-Marketing. Es funktioniert so: Man empfiehlt ein Produkt oder eine Dienstleistung, etwa auf Social Media, der eigenen Website oder im Newsletter. Dafür erstellt man auf der Verkaufsplattform, z. B. Amazon, einen persönlichen Link und fügt ihn unter den Post oder in den Blogartikel ein. Kauft oder bucht jemand über diesen Link, bekommt man eine Provision.
Wie man das im Detail umsetzt und vor allem wie man damit angeblich ein ausreichendes Einkommen erzielt, wird in Online-Kursen und Programmen vermittelt. Meist beginnt es mit einem kostenlosen Webinar, in dem das Konzept vorgestellt wird und man am Ende den kostenpflichtigen Online-Kurs oder das 1:1-Coaching kaufen soll.
Ob das wirklich funktioniert, warum es für viele Menschen am Ende eher in Ausgaben statt Einnahmen endet und worauf du sonst achten solltest, erfährst du in diesem Beitrag.
Wie „passiv“ ist passives Einkommen mit Affiliate-Links wirklich?
Und hier kommt gleich der erste Dämpfer: Bevor ein Affiliate-Link auch nur einen Cent einbringt, muss man erst einmal viel Zeit und Arbeit investieren. Denn um Produkte zu vermitteln, braucht es Menschen, die die eigenen Inhalte lesen und einem vertrauen.
Für einen Blog oder eine Webseite heißt das: Artikel schreiben, die wirklich interessant sind. Die müssen dann auch bei Google gefunden werden, was bei einer neuen Website mehrere Monate dauern kann. Auf YouTube müssen Videos produziert werden, auf Instagram regelmäßig neue Inhalte erscheinen. Und überall braucht es Follower und, was oft unterschätzt wird, Kontinuität.
Dieser Aufbau kostet also erst einmal sehr viel Zeit und bringt anfangs möglicherweise gar kein Geld.
Und selbst wenn dann alles läuft, hört die Arbeit nicht auf. Produkte veralten oder verschwinden, Links können irgendwann ins Leere führen, oder Angebote und Trends ändern sich. Wer viele Affiliate-Inhalte veröffentlicht, muss sie deshalb regelmäßig prüfen und überarbeiten, sonst stufen Google oder der Algorithmus die Seite herunter – und das bedeutet am Ende weniger Besucher und damit weniger Einnahmen.
„Passiv“ heißt am Ende also nur, dass man mit Arbeit Geld verdienen kann, die man vorher geleistet hat. Es heißt nicht, dass man etwas online stellt und es dann von selbst und für immer weiterläuft.
Wie viele Klicks braucht man, um davon leben zu können?
Rechnen wir es einmal durch. Nehmen wir an, wir möchten 3.000 Euro im Monat mit Affiliate-Links verdienen. Wichtig zu wissen ist, dass die Provisionen bei Affiliate-Links sehr unterschiedlich ausfallen. Bei günstigen Produkten sind es vielleicht 50 Cent bis 2 Euro pro Verkauf; andere Programme zahlen 5, 10 oder auch 30 Euro. Wieder andere zahlen einen bestimmten Prozentsatz des Verkaufspreises.
Bei einer Provision zwischen 1 und 10 Euro bräuchten wir für 3.000 Euro passives Wunscheinkommen also zwischen 300 und 3.000 erfolgreiche Verkäufe oder Buchungen im Monat. Und das bedeutet nicht 300 bis 3.000 Besucher und auch nicht 300 bis 3.000 Affiliate-Links, sondern tatsächlich 300 bis 3.000 Käufe oder Buchungen, die über unsere Affiliate-Links zustande kommen.
Wie viel Reichweite dafür in Wirklichkeit notwendig ist, lässt sich nicht präzise berechnen, weil die Provisionen und Kaufraten wie gesagt sehr unterschiedlich sind. Aber um eine Vorstellung von der Größenordnung zu bekommen, nehmen wir eine Website mit 100.000 Besuchen im Monat. Das ist bereits sehr viel, selbst viele bekannte Blogs erreichen das auch nach Jahren nicht ansatzweise. Angenommen, 5 Prozent dieser Besucher klicken in diesem einen Monat auf einen Affiliate-Link.
Das wären 5.000 Klicks auf Affiliate-Links, aber ein Klick bedeutet noch lange keinen Kauf. Je nach Thema, Produkt und Zielgruppe kaufen nur wenige der Menschen, die auf einen Affiliate-Link klicken. Als grobe Orientierung werden im Affiliate-Marketing oft Conversion Rates von etwa 1 bis 3 Prozent genannt. Von unseren 5.000 Klicks würden damit nur etwa 50 bis 150 tatsächlich zu einem Kauf führen.
Und jetzt kommen wir zum Geld: Bei einer Provision von 1 bis 10 Euro pro Verkauf würden diese 50 bis 150 Käufe zwischen 50 und 1.500 Euro Einnahmen im Monat bedeuten. Selbst eine Website mit 100.000 Besuchen im Monat könnte unter diesen Annahmen also weit von den gewünschten 3.000 Euro entfernt sein. Um mit 50 bis 150 Käufen trotzdem auf 3.000 Euro zu kommen, müsste die Provision im Schnitt bei etwa 20 bis 60 Euro pro Kauf liegen.
Beispiel-Rechnung
- 100.000 Besuche × 5 % = 5.000 Affiliate-Klicks
- 5.000 Klicks × 1–3 % = 50–150 Käufe
- 50–150 Käufe × 1–10 € Provision = 50–1.500 € Einnahmen
Noch ein kleiner Stolperstein: Bei Amazon beträgt das Zeitfenster nach einem Affiliate-Klick grundsätzlich nur 24 Stunden. Wird ein Artikel innerhalb dieser Zeit in den Warenkorb gelegt, kann die Zuordnung noch rund 90 Tage bestehen. Wartet jemand mit dem Kauf einige Tage, ohne den Artikel vorher in den Warenkorb zu legen, gibt es in der Regel keine Provision. Und klickt der Kunde oder die Kundin zwischendurch auf den Amazon-Link von jemand anderem, geht die Provision an diese Person.
Ein Konzept mit starker Abhängigkeit
Was bei der Bewertung dieses Marketings selten thematisiert wird: Affiliate-Einnahmen hängen von anderen Unternehmen ab. Das fängt schon beim Einstieg an. Nicht jedes Partnerprogramm nimmt jeden auf, gerade interessante Partner stellen oft Anforderungen an Reichweite oder Inhalte. Mit einer neuen Website und ein paar Artikeln bekommt man deshalb häufig gar keine Zusage.
Und selbst wenn man dabei ist, können Unternehmen ihre Provisionen jederzeit senken, Bedingungen ändern oder ihr Programm ganz beenden. Das habe ich selbst erlebt: In meinem Online-Reisemagazin hatte ich über Jahre viele Artikel mit Affiliate-Links zu Unterkünften aufgebaut. Dann haben im selben Jahr zwei der größten Unterkunftsplattformen ihre Partnerschaften beendet (Beispiel booking.com) oder die Voraussetzungen geändert. Unzählige Stunden Arbeit waren damit auf einen Schlag hinfällig, und die Einnahmen in diesem Bereich natürlich auch.
Dazu kommt, dass ein gut platzierter Artikel bei Google plötzlich abrutschen oder die Reichweite auf Social Media einbrechen kann. Aus einer gut laufenden Einnahmequelle wird so schnell eine deutlich kleinere. Unschöne Erfahrungen kann man auch mit firmeneigenen Affiliate-Programmen machen. Dort hat man oft kaum Einblick, ob Klicks, Buchungen oder Verkäufe überhaupt erfasst werden, und bekommt am Ende vielleicht keine einzige Provision ausgezahlt.
Und selbst das verdiente Geld kommt nicht sofort. Zwischen Kauf und Auszahlung können Wochen oder sogar Monate liegen, weil zum Beispiel erst Rückgabefristen abgewartet werden.
Affiliate bedeutet auch: Werbung machen
Bei aller Begeisterung für passives Einkommen muss man sich klarmachen: Affiliate-Links sind Werbung. Wer einen solchen Link setzt, hilft einem Unternehmen dabei, Produkte oder Dienstleistungen zu verkaufen, und bekommt im Erfolgsfall eine Provision. Das ist erst einmal nicht verwerflich. Aber weil man an jedem Kauf mitverdient, beeinflusst das oft stärker, als man denkt, was man schreibt und empfiehlt.
Das zeigt sich zum Beispiel bei den Empfehlungen selbst. Irgendwann stellt man sich vielleicht nicht mehr die Frage, was wirklich gut ist, sondern was die beste Provision bringt. Erwähnt man auch gute Angebote, an denen man nichts verdient? Spricht man offen über Nachteile, wenn man gleichzeitig hofft, dass jemand auf den Link klickt und kauft? Eine Liste mit Affiliate-Links ist eben nicht automatisch eine Liste der besten Angebote, sondern manchmal einfach die der lukrativsten. Die Authentizität leidet darunter oft schleichend, und für Leser:innen ist der Unterschied kaum zu erkennen.

Dazu kommt die Frage, für wen man eigentlich Werbung macht. Häufig sind das große Unternehmen oder Konzerne, deren Geschäftspraktiken durchaus kritisch gesehen werden. Ein Produkt kann nützlich sein, und trotzdem verschafft man mit jedem Link dem Unternehmen dahinter zusätzliche Kundschaft und stellt ihm die eigene Reichweite und Glaubwürdigkeit zur Verfügung. Und das kann auf einen selbst zurückfallen.
Wer mit Affiliate-Links arbeitet, muss sich daher bewusst sein:
- Man macht unter Umständen Werbung für ein Unternehmen, dessen Geschäftspraktiken in der Kritik stehen.
- Provisionen können dazu verleiten, Produkte zu empfehlen, hinter denen man eigentlich nicht wirklich steht.
- Je nach Themenbereich unterstützt man damit problematische Entwicklungen, z. B. Massentourismus, Überproduktion oder den Verkauf minderwertiger Produkte.
- Man macht kostenlose Dauerwerbung für ein Unternehmen, ohne je zu wissen, ob man dafür auch nur einen Cent bekommen wird.
- Darunter kann die eigene Glaubwürdigkeit leiden.
Braucht man einen Online-Kurs, um Affiliate-Marketing zu lernen?
Nein, nicht unbedingt. Die technische Umsetzung von Affiliate-Links ist vergleichsweise einfach: Man braucht eine Website oder einen Social-Media-Account, meldet sich bei einem Partnerprogramm an, erstellt individuelle Links und bekommt eine Provision, wenn darüber ein Kauf zustande kommt.
Was man allerdings lernen muss, ist der Teil davor und danach: gute Inhalte erstellen, Vertrauen aufbauen, Reichweite gewinnen, passende Partnerprogramme finden und realistisch einschätzen, ob die eigene Zielgruppe überhaupt kaufen wird. Dafür braucht man nicht zwingend einen teuren Kurs, sondern vor allem Zeit, Erfahrung und ein Verständnis dafür, wie Online-Inhalte funktionieren.
Skeptisch machen sollten Kurse, die hohe monatliche Einnahmen, weitgehend automatisierte Websites oder einen einfachen Weg zum passiven Einkommen versprechen. Auch vorgefertigte Websites oder Komplettsysteme, wie ich sie in meinem Faktencheck zu gründer.de genauer untersucht habe, lösen das Grundproblem nicht: Ohne gute, möglichst einzigartige Inhalte, Reichweite und Vertrauen entsteht daraus noch kein Einkommen.
Wer für den Traum vom passiven Affiliate-Einkommen mehrere Hundert oder sogar Tausend Euro ausgibt, startet nicht bei null, sondern mit einem deutlichen Minus.
Funktioniert passives Einkommen mit Affiliate-Links also?
Affiliate-Links können eine zusätzliche Einnahmequelle sein. Bei den meisten Influencer und Content Creator sind sie aber nur ein Teil des Einkommensmixes – neben Kooperationen, bezahlten Produktplatzierungen oder eigenen Produkten.
Davon allein leben zu wollen oder zu können, ist etwas völlig anderes. Dafür braucht es eine große Reichweite, eine hohe Sichtbarkeit, Inhalte, die regelmäßig gefunden oder geklickt werden, attraktive Provisionen oder eine Kombination daraus. Und selbst dann bleiben die Einnahmen abhängig von Plattformen und Unternehmen, deren Entscheidungen man nicht kontrollieren kann.
Die Links sind passiv, die Arbeit dahinter ist es nicht. Man macht dauerhaft Werbung für ein Unternehmen, das dafür zunächst nichts bezahlt, und weiß im Vorfeld nicht, ob man je wieder herausbekommt, was diese Arbeit gekostet hat.
Wer sich mit Affiliate-Links etwas dazuverdienen möchte, kann das ausprobieren. Einen teuren Kurs braucht es dafür nicht.




