Hand hält einen Amethyst in Meditationshaltung – Heilsteine in der modernen Spiritualität

Foto © Karolina Grabowska · Unsplash

Wie Heilsteine die Unbewusstheit moderner Spiritualität sichtbar machen

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Rosenquarz für die Liebe, Amethyst für innere Ruhe, Bergkristall für Klarheit und schwarzer Turmalin zum Schutz vor negativen Energien: Heilsteine gehören zum festen visuellen Inventar moderner Spiritualität. Sie liegen auf Tischen und neben dem Laptop, werden als Schmuck getragen, bei Ritualen in der Hand gehalten oder auf den Körper gelegt. Sie sollen erden, heilen, schützen oder mit etwas Höherem verbinden.

Steine sollen über Energie verfügen, Schwingungen aufnehmen, speichern und wieder abgeben. Nimmt man diese Vorstellung ernst, stellt sich allerdings eine Frage, für die bei der ganzen spirituellen Bewusstheit auf Social Media offenbar wenig Raum bleibt: Wenn ein Stein Energie speichern können soll, warum sollte das erst in dem Moment beginnen, in dem er gekauft wird? Was ist mit all dem, was vorher mit ihm geschehen ist?

Woher kommen Heilsteine eigentlich?

Bis ein polierter Heilstein bei uns im Handel landet, hat er oft einen langen Weg hinter sich. Die Steine werden in zahlreichen Ländern abgebaut, darunter Brasilien, Indien und Madagaskar. Letzteres zählt zu den ärmsten Ländern der Welt und ist zugleich ein bedeutender Exporteur von Edel- und Halbedelsteinen.

Die Reportage Rosenquarz, Gua Sha, Crystals: Kinderarbeit für Schönheit? zeigt, unter welchen Bedingungen Rosenquarz dort abgebaut wird. In kleinen Minen und mit einfachsten Mitteln holen Menschen die Steine teilweise mit bloßen Händen aus der Erde, ohne ausreichenden Schutz. Tunnel können einstürzen, der feine Quarzstaub kann die Lunge schädigen. Auch Kinder arbeiten in den Minen. Nach internationalen Schätzungen sollen es in Madagaskar rund 85.000 Kinder sein.

My parents brought me here because we don’t have enough money. I’d like to go back to school. What I’d like to become, doctor.”

– Na, in: The Dirty Business of Beauty, DW Documentary

Auch die Natur leidet unter dem Abbau. Für die Gewinnung der Mineralien werden Böden aufgebrochen, Vegetation entfernt und Lebensräume beeinträchtigt.

Später in Europa, im Handel oder in sozialen Medien als spirituelle, heilende Begleiter präsentiert, ist von ihrer Entstehung nichts mehr zu sehen. Gesprochen wird über ihre magische Bedeutung, ihre Energie und ihre vermeintliche Wirkung. Über die Menschen, die sie aus der Erde holen, ihre Arbeitsbedingungen und die Folgen des Abbaus hört man hingegen nichts.

Fünf unbearbeitete Steine in Rosa, Weiß, Grün und Violett in einer Reihe auf hellem Untergrund mit Pflanzenschatten – Heilsteine in der modernen Spiritualität
Schön anzusehen sind sie. Für die behauptete Wirkung von Heilsteinen gibt es allerdings keine wissenschaftlichen Belege. (Foto: Los Muertos Crew / Pexels)

Was, wenn Steine Energie wirklich speichern könnten?

Geht man davon aus, dass Steine und andere Objekte Energie aufnehmen können, stellt sich die Frage, welche Energie ein Stein bereits vor dem Verkauf gespeichert haben soll. Welche Energie hätte er aufgenommen, wenn sein Abbau von Armut, gefährlicher Arbeit und Kinderarbeit geprägt war? Und welche Schwingung würden Heilsteine durch die Zerstörung eines Lebensraums auf ihn übertragen?

Geht man davon aus, dass Steine und andere Objekte Energie aufnehmen können, müsste nach diesem Glauben die Frage naheliegen, welche Energie der Stein vor dem Verkauf hatte. Welche Energie würde er wohl gespeichert haben, wenn er mit Armut, gefährlicher Arbeit und Kinderarbeit in Verbindung war? Und welche Schwingung hätte die Zerstörung eines Lebensraums?

Spirituell-esoterische Influencer:ininnen zeigen zwar Rituale, mit denen Steine gereinigt werden sollen, zum Beispiel durch Räuchern, Wasser oder Mondlicht. Nur ist diese Reinigung als Pflege gedacht und nicht als Auseinandersetzung mit dem, was der Stein nach dieser Vorstellung mitbringt. Erzählt wird er stattdessen als Geschenk der Erde, als wäre er unberührt von allem, was vor dem Kauf geschehen ist.

Viel inszeniertes Bewusstsein, wenig gelebte Bewusstheit

Es wird viel von Bewusstsein gesprochen, vom höheren Selbst, von unendlicher Dankbarkeit und von Verbundenheit mit allem, was ist. Diese pastelligen Steine in Rosa, Lavendel und Weiß passen wunderbar in dieses Bild, das transportiert werden soll. Die Herkunft der Steine taucht dabei, wenn überhaupt, als Teil einer Erzählung auf, die das Besondere betont: uralte Energie aus den Tiefen der Erde, Kristalle aus fernen Ländern.

So wird aus einem abgebauten Mineral etwas Heiliges und Exotisches – und mit ihm das eigene Angebot, ob Ritual, Kurs oder Produkt (→ Spiritual Washing).

Zwei Hände halten eine Malakette aus rosa und violetten Steinperlen mit rosa Quaste – Heilsteine in der modernen Spiritualität
Mehr spirituelle Aufladung, höhere Verkaufspreise: Malaketten zeigen, wie sich Heilsteine vermarkten lassen – und wie aus einer buddhistischen und hinduistischen Gebetskette ein Lifestyle-Accessoire wird (→ kulturelle Aneignung).

Besonders deutlich wird das bei Malaketten, Armbändern und anderen Accessoires, die manche spirituelle Influencerinnen in eigenen Kollektionen oder Kooperationen anbieten. Da bekommt fast jede Perle eine bewusstseinserweiternde Bedeutung, ob Intuition, Klarheit oder innere Weisheit, dazu noch eine liebevoll wirkende Affirmation. Über die Herkunft lässt sich hingegen selten etwas finden.

Dabei tragen spirituelle Influencerinnen und Accounts mit großer Reichweite erheblich zu der Nachfrage bei, die diese Lieferketten antreibt. Gerade wer so selbstverständlich davon ausgeht, dass alles Energie besitzt und alles miteinander verbunden ist, müsste eigentlich als Erste fragen, was ein Stein mitbringt, bevor er auf dem Altar liegt.

Vielleicht sind Heilsteine tatsächlich gut geeignet, etwas über Bewusstsein zu lernen. Nur anders als gedacht.

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Geschrieben von

Als Gründerin von HappyNotHappy und Kommunikationswirtin mit über zwanzig Jahren Erfahrung in Medien und Marketing beschäftige ich mich mit Selbstverwirklichung, Sinnsuche und der Frage, wie wir herausfinden, was wirklich zu uns passt.

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