„Du gibst in letzter Zeit viel für andere und bekommst wenig zurück.“ Prognosen und Interpretationen wie diese tauchen auf unzähligen spirituellen bzw. esoterischen Accounts auf: bei Tarot-Legungen, in Horoskopen oder in vermeintlich gechannelten Momenten. Darunter bestätigende Kommentare wie „Das passt gerade wie die Faust aufs Auge“ oder „Wow, wie kann das sein?“.
Dass man sich in so einer Botschaft wiederfindet, ist erstmal nachvollziehbar. Es klingt ein bisschen mystisch, manchmal empowernd und manchmal verständnisvoll. Aber wie kann es eigentlich sein, dass eine Deutung oder Legung für extrem viele Menschen gleichzeitig passen soll? Dafür gibt es in der Psychologie schon lange einen Begriff: den Barnum-Effekt.
Was ist der Barnum-Effekt?
Gemeint ist damit die psychologische Neigung, vage und allgemein gehaltene Persönlichkeitsbeschreibungen als zutreffend für die eigene Person zu empfinden, besonders dann, wenn man glaubt, sie seien speziell für einen selbst erstellt worden.
Bekannt wurde der Effekt durch ein Experiment des US-Psychologen Bertram R. Forer aus dem Jahr 1948: Versuchspersonen füllten einen Persönlichkeitstest aus, erhielten anschließend – ohne es zu wissen – alle dieselbe Persönlichkeitsbeschreibung und bewerteten diese trotzdem als zutreffend.
Das Prinzip: Allgemeine Aussagen können auf viele Menschen zutreffen und lassen gleichzeitig genügend Raum für eine persönliche Interpretation. Das Gehirn verknüpft das Gesagte automatisch mit den eigenen Erfahrungen, Erinnerungen und Wünschen. Dadurch kann sich eine allgemeine Aussage extrem persönlich und stimmig anfühlen.
Beispiel: Eine Botschaft und was drei Personen daraus deuten
Eine Influencerin legt für ihre Community Tarot. Die Interpretation der Karte: „Du trägst gerade viel Verantwortung für andere. Irgendwann musst du aber auch an dich selbst denken, damit du dich nicht verlierst.“
▌ Person A – denkt sofort an ihre Kollegin, die ständig Aufgaben bei ihr ablädt und sich nie bedankt. Für sie heißt die Botschaft: „Ich muss lernen, ‚Nein‘ zu sagen und mich von den Erwartungen anderer abzugrenzen.“
▌ Person B – denkt an ihre Freundin, die sie gerade emotional durch eine schwierige Zeit trägt. Für sie bedeutet die Botschaft: „Ich unterstütze sie bedingungslos, aber ich vergesse dabei meine eigenen Bedürfnisse.“
▌ Person C – denkt an ihre Mutter, um die sie sich seit Monaten kümmert. Für sie lautet die Botschaft: „Ich opfere mich für meine Familie auf und habe kein eigenes Leben mehr.“
Dazu kommt, dass solche Deutungen häufig positiv oder verständnisvoll formuliert sind und mitunter zwei Seiten zugleich ansprechen, z. B. „stark und trotzdem verletzlich“. Dadurch wird die Wahrscheinlichkeit noch größer, sich darin wiederzufinden. Die persönliche Interpretation solcher Aussagen kann übrigens grundsätzlich jedem Menschen passieren und hat mit Naivität nichts zu tun.
Tausende Menschen können dieselbe Deutung lesen und trotzdem das Gefühl haben, sie treffe ganz persönlich auf sie zu – obwohl sie deshalb noch lange nicht stimmen muss.
Warum die Anbieter:innen als hellsichtig wahrgenommen werden
Obwohl die passenden, individuellen Details aus dem eigenen Leben stammen, schreibt man die Genauigkeit der Deutung meist der Person zu, von der sie kommt. Das Gefühl ist: „Diese Person weiß etwas Besonderes über mich“ – und nicht: „Ich habe das wirklich Persönliche daran gerade selbst passend ergänzt.“
Dadurch wirken Tarot-Reader:innen, Astrolog:innen oder Human-Design-Berater:innen meist besonders intuitiv, einfühlsam oder kompetent. Und die Methode gleich mit: Wenn die Karten, die Sterne oder das Chart so genau zu treffen scheinen, was gerade los ist, wirkt auch die Methode gleich viel glaubwürdiger.
Für Anbieter:innen ist dieser Effekt für ihr Business besonders hilfreich, weil ihre Deutungen glaubwürdiger wirken und sie bei ihren Follower:innen an Ansehen gewinnen können. Gleichzeitig sorgt die selektive Wahrnehmung dafür, dass vor allem die passenden Aussagen hängen bleiben, während Widersprüche eher ausgeblendet werden.
Wie Deutungen Influencer:innen beim Verkauf von Produkten helfen
Ein Business auf Social Media funktioniert meist so: kostenlose Inhalte anbieten, Vertrauen und möglichst viel Reichweite aufbauen und dann eigene oder fremde Produkte anbieten. Esoterische Methoden können dabei regelrechte Verkaufsbooster sein – insbesondere bei Angeboten, die den Eindruck vermitteln, etwas über die eigene Persönlichkeit oder Lebenssituation verraten zu können.
Eine öffentliche Tarot-Legung auf Social Media ist also häufig nicht das eigentliche Angebot, sondern der Einstieg. Wer sich ein paarmal in einem Beitrag wiedererkannt hat, folgt dem Account, schaut regelmäßig rein und fasst möglicherweise nach und nach Vertrauen. Und irgendwann steht dann in der Caption, in der Story oder im Link in der Bio das bezahlte Angebot: ein persönliches Reading, ein Coaching, ein Online-Kurs, eine Membership oder ein mehrmonatiges Programm.
Wer schon bei einer kostenlosen Botschaft das Gefühl hat, dass jemand die eigene Situation erstaunlich gut erfasst, erwartet von einem persönlichen Reading oder vermeintlich tiefergehenden Produkten womöglich noch mehr – und ist oft bereit, viel Geld dafür auszugeben.
Fazit: Wem dient die Deutung wirklich?
Viele der Botschaften auf Social Media stammen aus esoterischen Bereichen wie Tarot, Astrologie oder Channeling. Ihr großer Vorteil aus Marketing-Sicht ist, dass sie sich nicht oder kaum überprüfen lassen und gleichzeitig den Eindruck vermitteln, Zugang zu etwas zu haben, das über das unmittelbar Sichtbare hinausgeht: zu verborgenen Zusammenhängen, zur Zukunft, zur eigenen Persönlichkeit oder zu einer „höheren Wahrheit“. Mit solchen Angeboten wird heute sehr viel Geld verdient.
Wenn man eine Legung oder Deutung beobachtet, lohnt sich deshalb eine andere Frage als nur „Stimmt das für mich?“, nämlich: Welchen Nutzen hat diese Botschaft für die Person, die sie verbreitet? Wird gerade „zufällig“ ein Kurs, ein Reading oder ein anderes Produkt beworben, zu dessen Thema die Botschaft erstaunlich gut passt? Beschreibt die Deutung ein Problem, für das dieselbe Person anschließend die passende Lösung anbietet?
Wer einmal darauf achtet, wird überraschend viele solcher „zufälligen“ Überschneidungen entdecken.




