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Moderne Spiritualität

Heilig & exotisch: Kulturelle Aneignung in der modernen Spiritualität

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Collage aus verschiedenen spirituell vermarkteten Produkten mit Preisen auf grauem Hintergrund, darunter Namaste-Shirt, Klangschale, Kimono, Kakao, Karten, Mala, Om-Knete und Räucherwaren.

Heilig, göttlich, achtsam – das sind Begriffe, die in der modernen Spiritualität ständig auftauchen. Viele Symbole, Rituale und Praktiken, die dabei verwendet werden, sind in ihrem ursprünglichen kulturellen oder religiösen Zusammenhang tatsächlich heilig, werden hierzulande aber in einem ganz anderen Kontext genutzt. Spirituelle Influencer:innen und Coaches greifen sie auf, um ihrem Auftreten, ihren Marken und ihren Produkten einen exotischen Touch zu verleihen. Hier lässt sich besonders gut erkennen, wie stark moderne Spiritualität von Kommerz geprägt ist.

Was ist kulturelle Aneignung und warum ist es wichtig?

Kulturelle Aneignung zeigt nicht nur, wie indigene oder religiös geprägte Praktiken übernommen, umgedeutet und kommerzialisiert werden. Sie macht in diesem Fall auch deutlich, wie wenig Verantwortung viele Anbieter:innen für das übernehmen, was sie vermitteln. Denn Symbole, Begriffe, Produkte und Rituale erreichen ein großes Publikum, dem oft gar nicht bewusst ist, was da eigentlich übernommen wird.

Kulturelle Aneignung wird es dann, wenn etwas aus einer anderen Kultur übernommen, aus seinem ursprünglichen Zusammenhang gelöst, neu aufgeladen und oft auch noch verkauft oder zur Selbstinszenierung benutzt wird.

Im Folgenden zeigen wir einige der Begriffe, Symbole und Praktiken, die in der modernen Spiritualität besonders häufig verwendet und verkauft werden, und erklären, warum sie Beispiele für kulturelle Aneignung sind.


1. Namaste

Ursprüngliche Bedeutung:

„Namaste“ ist ein Gruß im südasiatischen Raum, vor allem in Indien und Nepal. In beiden Ländern sind Religion, Spiritualität und kulturelle Praxis stark in den Alltag eingebunden. Auch deshalb ist „Namaste“ dort nicht nur ein Gruß, sondern Teil eines kulturellen und religiösen Verständnisses. Wörtlich bedeutet er so viel wie „Ich verneige mich vor dir“. Mit dem Gruß werden Respekt, Anerkennung und die Achtung vor etwas Göttlichem oder Heiligem ausgedrückt.

Mehrere Frauen in traditioneller Kleidung stehen nebeneinander und halten die Hände vor der Brust im Namaste-Gruß. Bild zur Gegenüberstellung von kultureller Aneignung in der modernen Spiritualität.
Namaste-Geste in Indien oder Nepal. Wörtlich bedeutet sie so viel wie „Ich verneige mich vor dir“ und drückt Respekt, Anerkennung und die Achtung vor etwas Göttlichem im Gegenüber aus. (Foto: Rohit Sharma / Unsplash)

Vermarktung durch moderne Spiritualität:

In der modernen Spiritualität wird „Namaste“ als Symbol für Ruhe, Achtsamkeit und ein gutes Lebensgefühl vermarktet. Der Begriff erscheint auf Kleidung, Tassen, Postern, in Yogastudios, auf Social-Media-Kanälen und in Markenbotschaften. Auch die dazugehörige Handgeste wird genutzt, um Spiritualität, Sanftheit und Tiefe zu inszenieren.

Was ist daran kulturelle Aneignung?

Die moderne Spiritualität übernimmt einen religiös und kulturell geprägten Gruß aus einer anderen Tradition, besetzt ihn neu und deutet ihn für die eigene Vermarktung um. Seine kulturelle und religiöse Bedeutung wird dabei außer Acht gelassen und kommerziell verwertet.


2. Om

Ursprüngliche Bedeutung:

Om“ stammt aus dem südasiatischen Raum und spielt vor allem im Hinduismus, Buddhismus und Jainismus eine zentrale Rolle. Der Laut wird in Gebeten, Mantras und Meditationen gesprochen und gilt als heilig. Er steht für etwas Ursprüngliches, Göttliches und Spirituelles und ist Teil religiöser Praxis. Ein Beispiel für diesen religiösen Kontext kannst du in diesem Youtube-Video sehen.

Eine Person steht in einem buddhistischen Kloster neben einer großen roten Gebetsmühle mit goldener Schrift und hält eine Gebetskette in der Hand.
Om ist in religiösen Traditionen wie Hinduismus und Buddhismus Teil von Gebeten und Mantras und gilt dort als heiliger Laut. (Foto: apson macar / Pexels)

Vermarktung durch moderne Spiritualität:

Der Begriff gilt hierzulande als Symbol für Ruhe, Durchatmen und ein gutes Lebensgefühl. „Om“ steht dabei nicht nur für Entspannung, sondern für einen ganzen Lifestyle: bewusst leben, schön wohnen, gesund essen, zur Ruhe kommen, sich etwas Gutes tun. Und genau das wird auf Produkte übertragen: Kerzen, Knete, Tassen bis hin zu Magazinen, Kochrezepten oder Wellness-Angeboten.

Was ist daran kulturelle Aneignung?

Ein heiliger Laut aus einer religiösen Tradition wird aus seinem ursprünglichen Zusammenhang herausgelöst und in ein frei verfügbares Zeichen für einen westlichen Lifestyle verwandelt. Was dort Teil von Gebet und religiöser Praxis ist, wird hier zur Wohlfühlformel und auf Produkte übertragen.


3. Palo Santo und weißer Salbei

Ursprüngliche Bedeutung:

Weißer Salbei ist vor allem mit indigenen Traditionen in Nordamerika verbunden. Palo Santo stammt aus Südamerika und wird dort in spirituellen und rituellen Kontexten verwendet. Beide sind Teil kulturell und religiös geprägter Praktiken und werden für Räucherungen, Reinigungsrituale und Zeremonien genutzt.

Ein Bündel weißer Salbei liegt in einer Muschel, aus der Rauch aufsteigt.
Gebündelter weißer Salbei in einer Muschel. In der modernen Spiritualität wird er häufig zum Räuchern und für sogenannte Reinigungsrituale verwendet. (Foto: The AdventurOrrs / Getty Images)

Vermarktung durch moderne Spiritualität:

In der modernen Spiritualität werden Palo Santo und weißer Salbei vor allem als Mittel zur energetischen Reinigung verkauft. Sie sollen schlechte oder negative Energien vertreiben, Räume klären und den eigenen Körper oder die eigene Aura reinigen. So werden sie in Onlineshops, auf Social Media und in spirituellen Ritualanleitungen verkauft: als leicht anwendbare Tools für Schutz, Loslassen und gute Energie.

Was ist daran kulturelle Aneignung?

In der modernen Spiritualität werden Palo Santo und weißer Salbei vor allem als Mittel zur energetischen Reinigung verkauft. Sie sollen schlechte oder negative Energien vertreiben, Räume klären und den eigenen Körper oder die eigene Aura reinigen. So tauchen sie in Onlineshops, auf Social Media und in spirituellen Ritualanleitungen als leicht anwendbare Tools für Schutz, Loslassen und gute Energie auf.


4. Kakao-Zeremonien

Ursprüngliche Bedeutung:

Kakao hat in Teilen Mittel- und Südamerikas eine lange kulturelle Geschichte. In bestimmten Gemeinschaften wird er nicht nur als Nahrungsmittel genutzt, sondern auch in gemeinschaftlichen und teils rituellen Zusammenhängen. Kakao ist dort in kulturelle Praxis eingebettet.

Ein Glas mit Kakao steht auf einem Tisch neben Kerze, Kristallen, Kakaobohnen und Kakaostücken in einem spirituell inszenierten Setting.
Kakao wird auf Social Media vor allem in der Winterzeit häufig mit Kerzen, Kristallen und Ritual-Ästhetik aufgeladen und als vielversprechende Zeremonie vermittelt. (Foto: Renphoto / Getty Images)

Vermarktung durch moderne Spiritualität:

Kakao-Zeremonien werden als Ritual für Herzöffnung, Verbindung, Heilung und innere Einkehr verkauft. Kakao soll dabei helfen, sich selbst näherzukommen, Blockaden zu lösen oder sich mit anderen auf einer tieferen Ebene zu verbinden. Angeboten wird das in Workshops, Frauenkreisen, Retreats oder Online-Formaten, oft verbunden mit Musik, Meditation oder Breathwork.

Was ist daran kulturelle Aneignung?

Kakao wird aus seinem ursprünglichen kulturellen Zusammenhang gelöst und in einem westlichen Spiritualitätsmarkt neu interpretiert. Seine Bedeutung wird emotional aufgeladen, umgedeutet und in etwas übersetzt, das spirituell wirkt und sich vermarkten lässt.


5. Klangschalen

Ursprüngliche Bedeutung:

Klangschalen werden heute vor allem mit Tibet, Nepal und dem Himalaya-Raum verbunden. In diesen Regionen stehen sie in religiösen, kulturellen und rituellen Zusammenhängen, in denen Klang, Meditation und Spiritualität eine wichtige Rolle spielen. Sie werden unter anderem genutzt, um Meditationen zu begleiten, Rituale zu strukturieren oder bestimmte geistige Zustände zu unterstützen.

Eine Person hält eine Klangschale und einen Klöppel in einem ruhigen, wellnessartig inszenierten Setting.
In Ländern wie Tibet und Nepal sind Klangschalen in rituelle und meditative Praktiken eingebettet. Im Westen hingegen werden sie meist als ästhetisiertes Produkt für Entspannung, Sound Healing und Wellness verkauft. (Foto: microgen / Getty Images)

Vermarktung durch moderne Spiritualität:

In der modernen Spiritualität werden Klangschalen nicht nur mit Entspannung verbunden, sondern häufig auch mit Heilversprechen aufgeladen. Sie sollen Blockaden lösen, das Nervensystem regulieren, Energie ausgleichen und sogar Selbstheilungskräfte aktivieren. Gleichzeitig werden sie als besonderes und oft hochpreisiges Heil- und Entspannungsinstrument vermarktet.  

Was ist daran kulturelle Aneignung?

Ein kulturell und spirituell geprägtes Instrument wird in einem westlichen Spiritualitäts- und Wellnessmarkt neu verwendet und vereinfacht. Seine Bedeutung verschiebt sich von religiöser und ritueller Praxis hin zu einem Produkt, das Entspannung und Heilung verspricht.


6. Kimono

Ursprüngliche Bedeutung:

Der Kimono ist ein traditionelles Kleidungsstück aus Japan und eines der bekanntesten Symbole japanischer Kultur. Er steht nicht für eine allgemeine spirituelle Ästhetik, sondern für eine konkrete Kleidung mit Geschichte, festgelegter Form und vielschichtiger Bedeutung. Je nach Anlass, Stoff, Schnitt, Muster und Trageweise erfüllt er unterschiedliche kulturelle und soziale Funktionen, vom Familienerbstück bis zum Zeichen von Status, Rolle oder Verbundenheit mit Tradition.

Eine Frau in einem traditionellen Kimono steht in einem japanischen Innenraum mit Schiebetüren und hält eine Tasse in den Händen.
Traditioneller Kimono in japanischem Kontext. Im westlichen Spiritualitätsmarkt wird er oft als besonderes, erhöhtes Gewand neu aufgeladen. (Foto: Getty Images)

Vermarktung durch moderne Spiritualität:

In der modernen Spiritualität taucht der Kimono immer wieder als bewusst gewähltes Bühnenkostüm auf. Spirituelle Influencer:innen und Coaches tragen Kimono-artige Kleidungsstücke in Lives, Retreats, Produktshootings und auf Bühnen. Dabei wird er nicht einfach als Kleidung genutzt, sondern fast wie ein sakral aufgeladenes Gewand inszeniert, das Ruhe, Tiefe, Besonderheit und spirituelle Autorität ausstrahlen soll.

Was ist daran kulturelle Aneignung?

In der modernen Spiritualität wird der Kimono in einen neuen Zusammenhang gestellt und fast wie ein heiliges oder besonders erhöhtes Gewand benutzt. Dadurch wird ihm eine Bedeutung zugeschrieben, für die er ursprünglich nicht steht.


7. Animal Spirit-Karten

Ursprüngliche Bedeutung:

Vorstellungen von Krafttieren oder spirituellen Tierbegleitern finden sich in verschiedenen indigenen Traditionen, zum Beispiel in nordamerikanischen indigenen Kulturen. Dort sind Tiergeister Teil eines größeren spirituellen und gemeinschaftlichen Zusammenhangs. Sie stehen nicht für ein beliebig verfügbares Persönlichkeitssymbol, sondern sind in Glauben, Rituale und Verantwortung gegenüber der jeweiligen Tradition eingebettet.

Eine Person hält im Freien ein Set grafisch gestalteter Animal Spirit-Karten in den Händen.
Animal Spirit-Karten werden in der modernen Spiritualität als Versprechen für Orientierung, Lebenshilfe und spirituelles Wachstum verkauft.

Vermarktung durch moderne Spiritualität:

In der modernen Spiritualität werden Animal Spirit-Karten als Kartenset für Lebenshilfe, Orientierung und spirituelles Wachstum verkauft. Sie versprechen Antworten auf Lebensfragen, persönliche Entwicklung und einen leichteren Zugang zum eigenen Inneren. Damit wird ein spirituelles und esoterisch aufgeladenes Konzept in ein vermarktbares Produkt übersetzt, das Halt, Sinn und Entwicklung in Kartenform anbietet.

Was ist daran kulturelle Aneignung?

Ein spirituelles Konzept aus einem anderen kulturellen Zusammenhang wird vereinfacht, neu besetzt und als frei verfügbares Produkt vermarktet. Aus einer kulturell eingebetteten Vorstellung wird so ein konsumierbares Kartenset, das persönliche Orientierung verspricht und sich gut verkaufen lässt.


8. Mala

Ursprüngliche Bedeutung:

Die Mala ist eine Gebetskette, die vor allem in hinduistischen und buddhistischen, aber auch in anderen indischen Traditionen als Gebets- und Meditationshilfe verwendet wird. Sie ist Teil religiöser und meditativer Praxis und dient dazu, Gebete, Mantras oder Wiederholungen zu zählen. Damit steht sie nicht für ein allgemeines spirituelles Accessoire, sondern für ein Objekt mit konkreter religiöser Funktion.

Hände halten eine Mala aus Holzperlen in einem religiösen oder meditativen Kontext.
Im Westen wird die Mala oft nicht mehr als Gebetskette verstanden, sondern zum spirituellen Accessoire und Lifestyle-Produkt umfunktioniert. (Foto: globalfolkart / Getty Images)

Vermarktung durch moderne Spiritualität:

In der modernen Spiritualität taucht die Mala oft als Schmuckstück, Meditationshilfe oder spirituelles Accessoire auf. Sie wird in Shops, auf Social Media und in Coaching-Kontexten als Zeichen für Ruhe, Achtsamkeit, innere Entwicklung und ein bewusstes Leben verkauft. Dabei bleibt der religiöse Ursprung zwar oft als Kulisse erhalten, die Mala wird aber zugleich in einen westlichen Lifestyle- und Selfcare-Kontext übersetzt.

Was ist daran kulturelle Aneignung?

Ein religiös geprägtes Objekt wird aus seinem ursprünglichen Zusammenhang gelöst und in einem westlichen Spiritualitätsmarkt neu verwendet. Die Mala dient dort nicht mehr in erster Linie Gebet oder Meditation, sondern wird als sichtbares Symbol für Spiritualität, Bewusstsein und ein bestimmtes Lebensgefühl vermarktet.


Warum wir über kulturelle Aneignung in der modernen Spiritualität sprechen müssen

Moderne Spiritualität wirkt oft weich, freundlich und liebevoll. Gerade das macht leicht unsichtbar, wie professionell und kommerziell diese Szene inzwischen organisiert ist. Hinter vielen Ritualen, Produkten und Symbolen stehen keine kleinen Herzensprojekte, sondern Unternehmen, die sehr genau wissen, welche Begriffe, Bilder und Trends sich gut verkaufen. Ihre Angebote versprechen Hoffnung, Halt und Orientierung. Karten, Kurse und Kristalle sollen Richtung geben und Probleme lösen, und genau diese Sehnsüchte werden gezielt angesprochen. Was nach Intuition, Tiefe und persönlicher Entwicklung aussieht, ist deshalb oft knallhartes Marketing.

Die oben gezeigten Beispiele machen deutlich, wie eine Branche arbeitet, die ständig von Achtsamkeit und Bewusstheit spricht, mit der Herkunft vieler ihrer Symbole, Begriffe und Praktiken aber selbst erstaunlich unachtsam umgeht. Kulturelle Bedeutung wird entnommen, neu aufgeladen und in Produkte, Rituale und Identitäten übersetzt, die sich gut vermarkten lassen. Genau deshalb müssen wir über kulturelle Aneignung in der modernen Spiritualität sprechen: weil hier mit Symbolen, Ritualen und Begriffen aus anderen Kulturen gearbeitet wird, ohne ihnen denselben Respekt, dieselbe Einordnung und dieselbe Wertschätzung entgegenzubringen, die man für die eigene Suche nach Sinn und Heilung ständig einfordert.

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Geschrieben von
Ute Kranz

Als Gründerin von HappyNotHappy und studierte Kommunikationswirtin mit über 20 Jahren Erfahrung in Medien und Marketing beschäftige ich mich damit, wie Selbstverwirklichung, Sinnsuche und Social Media zusammenhängen – und wie wir herausfinden, was wirklich zu uns passt.

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