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Spirituelle Journals: Wenn Bücher vorgeben, wie du denken und fühlen sollst

Wer diese Bücher macht – und warum sie nicht immer harmlos sind

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Frau mit Journal im Arm steht an einem Strand
Foto © loana Ye / Unsplash

Ein Tagebuch mit kleinem Schloss, versteckt unter dem Kopfkissen: Für viele gehörte das zur Teenagerzeit dazu. Ein Ort für Geheimnisse, Wut, Liebeskummer… alles was zu groß war, um es mit jemandem zu teilen. Schreiben half schon damals, Gedanken zu sortieren und Gefühle rauszulassen. Heute empfehlen auch Therapeut:innen genau das. Nicht als Wundermittel, sondern als einfaches Werkzeug gegen Stress und Überforderung. Dafür braucht es nicht viel: ein einfaches Heft, einen Stift und ein bisschen Zeit.

Aus dieser simplen Praxis ist inzwischen ein lukrativer Markt geworden. Das Tagebuch heißt jetzt „Journal“ und verspricht weit mehr als leere Seiten: Glück, Erfolg, Heilung, dein „volles Potenzial“. Erstellt werden sie von Verlagen, Unternehmen oder Influencer:innen – fast immer ohne therapeutischen Hintergrund. Diese Bücher verkaufen nicht nur Platz zum Schreiben, sondern in der Regel auch ein Weltbild: wie man richtig denkt, richtig fühlt, richtig lebt. Neben Hoffnung auf ein besseres Leben bieten sie vor allem eins: Anpassung an Vorgaben, tägliche Routine und Selbstüberwachung. Und das ist keine echte Spiritualität.

Deshalb lohnt es sich, einmal genauer hinzuschauen: auf den Unterschied zwischen freiem Schreiben und kommerziellen Journal-Produkten und darauf, warum letztere oft alles andere als unproblematisch sein können.

Warum Journaling heute so attraktiv wirkt

Die versprochene Wirkung klingt verlockend: ein Buch, das dir hilft, dein Leben in den Griff zu bekommen. Mehr Klarheit, weniger Stress, endlich die richtigen Prioritäten setzen. In einer Zeit, in der sich viele Menschen überfordert fühlen, klingt das nach einer einfachen Lösung. Schreiben kann ja tatsächlich helfen, und ein hochwertiges Produkt vermittelt das Gefühl, sich selbst ernst zu nehmen. Die Ästhetik spielt dabei eine große Rolle: Goldprägung, nachhaltiges Papier und feminines, sanftes Design. Es fühlt sich an wie ein Mini-Coaching für wenig Geld.

Offenes Journal mit der Seite ‚Today I am thankful for‘, Datum, Schriftstellen, Reflexionsfragen und weiteren Feldern zum Ausfüllen, um Dankbarkeit und Tagesreflexion zu dokumentieren.
Viele Menschen suchen heute nach Struktur, Sinn und Orientierung. Wenn Coaches vermitteln, dass Dankbarkeit das Leben verbessert, wird es auch gekauft. (Foto: Hello Revival / Unsplash)

Dazu kommt das Marketing. Influencerinnen und Coaches erzählen persönliche Erfolgsgeschichten: vom chaotischen Leben zur inneren Ruhe, von der kleinen Wohnung zum Traumhaus, von der Überforderung zur „Queen-Energie“. Sie zeigen sich verletzlich, authentisch, nahbar. Und sie versprechen: Wenn du dieses Journal nutzt, kannst du das auch schaffen. Dabei wird Selbstfürsorge (auch als „Self-Care“ vermarktet) häufig als Selbstoptimierung verkauft, Achtsamkeit als Selbstüberwachung und Manifestation als wissenschaftlich fundiert, obwohl sie auf einem esoterischen Glaubenskonzept beruht. Was bleibt, ist die Hoffnung: Dieses Buch könnte der Schlüssel sein.

Was in Journals steckt: Mehr als nur Reflexionsfragen

Schauen wir uns drei typische Formen genauer an, um zu verstehen, was hier eigentlich verkauft wird und warum das nicht immer harmlos ist. Zum Beispiel weil die meisten dieser Journals von Coaches, Influencer:innen oder Verlagen ohne therapeutische Ausbildung erstellt werden. Die Inhalte stoßen teilweise psychische Prozesse an, ohne dass die Autor:innen dafür ausgebildet sind. Aber das ist noch nicht alles:

1. Manifestationsjournals – Mit einem Buch zum Traumleben

Manifestationsjournals versprechen eine magische Reise: In acht oder zwölf Wochen zum erfüllten Leben, zum Traumpartner, zur inneren Fülle. Das Marketing dahinter arbeitet mit persönlichen Erfolgsgeschichten und suggeriert: Wenn du täglich deine Ziele aufschreibst, Affirmationen wiederholst und dankbar bist, ziehst du Erfolg automatisch an. Oft kombiniert mit Mondkalendern und Tipps zur „Aktivierung deiner Manifestationskraft“.

Manifestation ist für viele der Einstieg in ein esoterisches Weltbild. Nicht mehr die Realität zählt, sondern das Universum, die eigene Energie, die richtige Schwingung. Gedanken sollen Realität erschaffen – eine Vorstellung, die wissenschaftlich nicht belegt ist. Esoterik verspricht einfache Antworten auf schwierige Lebensfragen. Das Problematische daran: Wer einmal in dieser Logik drin ist, gibt oft immer mehr Geld aus für Coachings, Kurse, weitere Produkte, in der Hoffnung, dass die Lösung im nächsten Schritt wartet. Gleichzeitig fördert Manifestation eine passive Haltung: Die Dinge sollen sich durch richtiges Denken und Visualisieren regeln, nicht durch konkretes Handeln.

Warum spirituelle Coaches auf Manifestation setzen:

Manifestation ist oft der Einstieg in die Esoterik und damit der Beginn einer Reise durch eine magische Welt voller Heilsversprechen, Produkte und Deutungen. Ein lukrativer Weg für Coaches, ein teurer für Kund:innen.

2. Achtsamkeitsjournals – Die organisierte Selbstkontrolle

Achtsamkeit bedeutet eigentlich: wahrnehmen, was ist, ohne es zu bewerten oder zu verändern. In den Journals wird daraus jedoch ein umfassendes Selbstmanagement-Programm. Neben Terminkalendern finden sich Tools zur Selbstfürsorge, Burnout-Reflexionen, Gewohnheits-Tracker, Krisenmanagement-Seiten und Kästchen oder Listen für Bedürfnisse, Werte, Ziele. Dazu kommen Stimmungstracker, Schlafprotokolle, Essgewohnheiten, tägliche Reflexionsfragen. Viele dieser Journals versprechen dabei ausdrücklich, „frei von Selbstoptimierung“ zu sein.

Mehrere Achtsamkeits- und Reflexionsseiten liegen auf einem Tisch. Zu sehen sind Wochenüberschriften wie Week 3 Feeling Overwhelmed, Felder für I am most proud of, Things I accomplished this week, I feel that this week has been sowie ein Kreisdiagramm mit Lebensbereichen wie Personal Growth, Spiritual, Career und Fun & Recreational.
Achtsamkeit wird hier zu strukturierter Reflexion und Bewertung verschiedener Lebensbereiche. Statt einfach nur wahrzunehmen, was ist, wird dokumentiert und strukturiert. (Foto: Joonas Sild / Unsplash)

Doch was nach Selbstfürsorge aussieht, ist vor allem eins: organisierte Selbstkontrolle. Achtsamkeit wird hier messbar und optimierbar gemacht. Burnout, eigentlich ein strukturelles Problem von Überlastung, wird zur individuellen Aufgabe: Reflektiere dich, priorisiere besser, manage deine Krisen. Selbst Sätze wie „sei gnädig mit dir“ bleiben Teil des Systems. Am Ende sitzt du nicht achtsam da und nimmst wahr, was ist – sondern füllst Listen aus, trackst Gewohnheiten und bewertest, ob du heute „gut genug“ warst.

Warum sich „Achtsamkeit“ hier gut verkaufen lässt:

Achtsamkeit ist zum Trendbegriff geworden, der zu einem guten Leben dazugehört. Eigentlich bedeutet sie, präsent zu sein, ohne etwas erreichen zu wollen. Doch in einer Zeit, in der man es nicht mehr gewohnt ist, nichts zu tun, lässt sich Achtsamkeit gut als etwas Produktives verkaufen. Wer ein „Achtsamkeitsjournal“ kauft und täglich Listen ausfüllt, fühlt sich nicht wie jemand, der sich optimiert, sondern wie jemand, der achtsam für sich sorgt.

3. Dankbarkeitsjournals – Positiv leben als Pflichtprogramm

Dankbarkeit kann psychologisch hilfreich sein: Studien zeigen, dass bewusstes Wahrnehmen positiver Momente die Stimmung verbessern kann, besonders bei Grübeln, als Ergänzung, nicht als Therapieersatz. Dankbarkeitsjournale versprechen mehr: tägliches Glück, innere Fülle, ein verändertes Leben. Schreibe jeden Morgen drei Dinge auf, für die du dankbar bist, mache eine „Dankbarkeitsdusche“, richte deine Energie aus. Oft verbunden mit der Idee, dass Dankbarkeit „heilt“ und automatisch mehr anzieht, wofür man dankbar sein kann. Die Botschaft: Wer dankbar ist, wird glücklich.

Das Problem: Dankbarkeit wird zur täglichen Pflicht, negative Gefühle sind unerwünscht. Wer gestresst, wütend oder unzufrieden ist, soll nicht die Verhältnisse ändern, sondern die innere Haltung. Frust über reale Überlastung wird zum Charakterproblem: Wer sich schlecht fühlt, war nicht dankbar genug. Besonders Frauen werden mit sanfter Ästhetik und Self-Care-Rhetorik angesprochen, passend zu alten Mustern: gefällig, angepasst, dankbar für das, was ist. Dankbarkeit kann gut tun. Als tägliche Aufgabe macht sie angepasst, statt selbstbewusst.

Warum Dankbarkeit für spirituelle Coaches so nützlich ist:
Wer dankbar ist, ist weniger kritisch, stellt weniger Fragen und bleibt treue Kundin. Das macht Dankbarkeit zum perfekten Tool in der kommerziellen Spiritualität.

Journaling geht auch anders

Wer schreiben möchte, braucht kein spezielles Journal, ein einfaches Heft reicht völlig. Kommerzielle Journal-Produkte sind darauf ausgelegt, an Personenmarken zu binden, schlimmstenfalls zu manipulieren und weiteren Konsum zu fördern: das nächste Journal, der nächste Kurs, die nächste Meditation. Es gibt keine Kontrolle darüber, wie sich die Inhalte auf die Psyche auswirken. Wer sich das Geld spart, spart auch die Vorgaben, die hier mitschwingen, und schützt sich vor esoterischen Weltbildern, die weg von der Realität und hin zu magischen Erklärungen für strukturelle Probleme führen.

Eine Frau sitzt entspannt am Fenster mit Blick ins Grüne, die Füße hochgelegt. Sie schreibt in ein aufgeschlagenes Notizbuch mit handschriftlichem Text und einer gezeichneten Naturskizze. Natürliches Licht, ruhige Atmosphäre.
Gedanken, Gefühle und Stimmungen festhalten, Natur wahrnehmen – Journaling als persönlicher, achtsamer Moment, nicht als Selbstkontrolle oder Wünscheerfüller. (Foto: Curated Lifestyle / Unsplash)

Schreiben kann helfen, Gedanken zu sortieren, Gefühle rauszulassen, Klarheit zu finden, aber es gibt keine richtige Methode. Freies Schreiben funktioniert ohne Struktur: einfach aufschreiben, was gerade da ist, ohne Bewertung, Druck oder Pflichtgefühl. Schreiben sollte entlasten, nicht belasten.

Wenn negative Gefühle auftauchen, dürfen sie da sein. Wer sich Impulse wünscht, kann sich einfache Fragen stellen: Was beschäftigt mich gerade? Was hat mich heute bewegt? Was brauche ich? – Ohne lange Listen, Multiple-Choice-Kästchen oder Optimierungs-Gedanken. Und wenn Schreiben nicht hilft, ist das auch in Ordnung, denn manchmal braucht es etwas anderes als Fragen in Büchern, die für die breite Masse produziert werden. Zum Beispiel Gespräche, Bewegung oder auch professionelle Hilfe.

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Geschrieben von
Ute Kranz

Als Gründerin von HappyNotHappy und studierte Kommunikationswirtin mit über 20 Jahren Erfahrung in Medien und Marketing beschäftige ich mich damit, wie Selbstverwirklichung, Sinnsuche und Social Media zusammenhängen – und wie wir herausfinden, was wirklich zu uns passt.

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