Ab Januar starten wir auf Instagram!
Healing-TrendsModerne Spiritualität

Was ist der Unterschied zwischen Selbstfürsorge und Selbstoptimierung?

143
Selbstfürsorge Selbstoptimierung - Was ist der Unterschied?
Foto © Jacob Lund

Viele Menschen beschäftigen sich heute bewusster mit der Frage, wie sie besser für sich sorgen können. Der Alltag lässt wenig Leerlauf, die Erreichbarkeit hört nicht auf, und das Gefühl, funktionieren zu müssen, ist fast immer präsent. In diesem Zusammenhang taucht der Begriff Selbstfürsorge immer häufiger auf: als Mittel gegen Stress, Überforderung und Erschöpfung.

In sozialen Netzwerken wird Selbstfürsorge in vielen Formen gezeigt, ohne dass immer erkennbar ist, ob sie wirklich entlastet oder in Wirklichkeit auf Selbstoptimierung hinausläuft, die am Ende sogar das Gegenteil bewirken kann. Wie lässt sich also unterscheiden, was hilft und was eher zusätzlichen Druck erzeugt? Dieser Text geht dieser Frage nach.

1. Was ist Selbstfürsorge und was ist Selbstoptimierung?

Der Unterschied zwischen Selbstfürsorge und Selbstoptimierung lässt sich einfach erklären.

Selbstfürsorge meint Handlungen: Selbstfürsorge ist das, was du konkret tust, um gut für dich zu sorgen. Dazu gehören Pausen, Schlaf, Bewegung, Zeit für dich allein, Gespräche mit Menschen, denen du vertraust, oder auch bewusst Nein zu sagen. Selbstfürsorge orientiert sich daran, was du im Moment brauchst, nicht daran, wie du sein solltest.

Selbstoptimierung meint Ziele: Hier geht es um Veränderung und Verbesserung. Besser funktionieren, produktiver werden, disziplinierter leben, emotional stabiler oder leistungsfähiger sein. Der Blick richtet sich weniger auf dein aktuelles Befinden, sondern auf ein Ideal, das du erreichen willst.

Beides kann äußerlich ähnlich aussehen, ist in der Wirkung jedoch völlig unterschiedlich, wie ich weiter unten anhand ein paar konkreter Beispiele zeige.

Selbstfürsorge reagiert auf das, was da ist.

Selbstoptimierung arbeitet auf etwas hin, das noch nicht erreicht ist.

Ist Journaling Selbstfürsorge oder Selbstoptimierung?
Journaling kann Selbstfürsorge sein – oder ein weiteres Optimierungsprogramm. Die Tabelle unten zeigt den Unterschied. (Foto: Oksana Latysheva / oksanavectorart)

2. Warum Selbstfürsorge auf Social Media so schnell zur Selbstoptimierung wird

Viele Accounts, die sich auf Social Media mit den Themen Selbstfürsorge oder Selfcare beschäftigen, arbeiten kommerziell, auch wenn sie als Einzelpersonen auftreten. Sie verdienen ihr Geld mit dem Verkauf von Produkten, Programmen, Online-Kursen oder Events. Entsprechend sind ihre Inhalte nicht nur darauf ausgerichtet zu unterstützen, sondern sondern auch darauf, ein Gefühl von Mangel zu erzeugen.

Selbstfürsorge erscheint so nicht als etwas, das man bereits leben kann, sondern als etwas, das man erst durch ihre Produkte und Angebote erreichen soll. Neben kommerziell orientierten esoterischen und spirituellen Inhalten gibt es eine riesige Bandbreite an Formaten und Produkten, die versprechen, das eigene Wohlbefinden zu verbessern.

Dazu gehören unter anderem:

  • Online-Kurse, -retreats und Begleitprogramme
  • Journals, Kalender, Karten, Tracker und Selbstcoaching-Tools
  • Schlaf-, Meditations- und Achtsamkeits-Apps
  • Nahrungsergänzungsmittel, Tees und Mood-Produkte
  • Entspannungsprodukte wie Duftknete, Öle oder Raumsprays
  • Kosmetik-, Haar- und Hautpflegeprodukte
  • Morgen- und „Selfcare“-Routinen fürs Aussehen
  • Abnehm- und Fitnessprogramme, Detox-Angebote

All das ist nicht per se problematisch. Problematisch wird es dort, wo Selbstfürsorge nicht mehr bedeutet, auf sich zu hören, sondern etwas aktiv umsetzen zu müssen. Wo sie nicht hilft, innezuhalten, sondern neue Aufgaben und damit neue Erwartungen produziert. Und wo sie nicht entlastet, sondern den Anspruch aufrechterhält, sich ständig zu verbessern.

Wenn Selbstfürsorge mit Messwerten, Routinen und Programmen verknüpft wird, wird sie zu einer Leistung. Aus der persönlichen Situation wird ein Projekt gemacht, aus dem Bedürfnis ein Ziel gestaltet und aus Wahrnehmung wird Kontrolle. Genau hier kippt Selbstfürsorge in Selbstoptimierung.

Ein paar Beispiele, die den Unterschied deutlicher machen:

Selbstoptimierung

Selbstfürsorge

Du sollst meditieren, um dein Unterbewusstsein auf Liebe, Fülle und Erfolg zu programmieren. 

Du lässt Gedanken kommen und gehen, ohne sie verbessern zu wollen.

Du sollst journaln, um produktiver, klarer und erfolgreicher zu werden.

Du schreibst, um Gedanken loszuwerden, ohne dass daraus etwas entstehen muss.

Du sollst deine „Geldwunden heilen“, um dir dein Traumleben zu erschaffen.

Du gestaltest dein Leben so, dass du es dir leisten kannst.

Du sollst ein Produkt nutzen, damit du dich schneller regulierst und besser funktionierst.

Du schaffst dir bewusst Pausen und Ruhephasen.

Du sollst Schlaf, Stimmung oder Verhalten messen, um dich zu verbessern.

Du gönnst dir Schlaf, Essen oder Ruhe, wenn es nötig ist.

Du folgst Routinen, Programmen oder Plänen, damit du dein Leben „im Griff hast“.

Du kürzt Anforderungen, statt neue Ziele draufzupacken.

Du sollst an dir arbeiten, damit du irgendwann „fertig“ bist.

Du weißt, dass du nicht erst jemand werden musst, um okay zu sein.

Du sollst affirmieren und manifestieren, damit dein Leben endlich besser wird.

Du beschäftigst dich mit dem, was dich wirklich belastet.

Du sollst deine Emotionen „heilen“, statt sie auszuhalten.

Du lässt Gefühle zu, ohne dich selbst reparieren zu wollen.

Du sollst Produkte für Entspannung nutzen, Duftknete, Tools, Bücher oder Sets.

Du nimmst dir Zeit für Ruhe und Entspannung, ohne kommerzielle Hilfsmittel.

Du sollst besser schlafen, besser essen, besser denken und besser fühlen.

Du versorgst dich mit Schlaf, Essen und allem, was dir guttut.

Du sollst deinen Körper straffer, schlanker oder jünger machen.

Du behandelst deinen Körper als Zuhause, nicht als Projekt.

Du sollst Sport machen und supplementieren, um dich gesünder zu fühlen.

Du pflegst deinen Körper durch Bewegung und Ernährung, nicht durch Zwang.

3. Wenn aus Fürsorge eine Aufgabe wird

Wenn Selbstfürsorge zur Aufgabe wird, verändert sich ihr Sinn. Was eigentlich entlasten sollte, erzeugt neue Anforderungen. Statt wahrzunehmen, was gebraucht wird, geht es darum, etwas neu, anders oder endlich „richtig“ zu machen. Etwas einzuhalten, umzusetzen, durchzuziehen. Pausen werden geplant, Routinen abgearbeitet, Fortschritte kontrolliert. Fürsorge wird dann nicht mehr als Entlastung erlebt, sondern als weiterer Punkt auf einer Liste.

Die vielleicht eigentlich notwendige Erholung wird dadurch plötzlich an Bedingungen geknüpft. Erst erledigen, dann ausruhen. Erst umsetzen, dann entspannen. Der Moment, in dem man einfach sein könnte, wird auf später verschoben. Und oft kommt dieses Später nie. Selbstfürsorge wird damit nicht leichter, sondern komplexer. Sie wird nicht freier, sondern stressiger.

Selfcare Kosmetik Kritik
Selbstfürsorge und Beauty gehen online oft Hand in Hand – und werden zu einem Geschäftsmodell mit der Botschaft, Frauen müssten an sich arbeiten, um sich besser zu fühlen. (Foto: titova / Getty Images)

In der kommerziellen Spiritualität bekommt diese Dynamik nochmal eine ganz eigene Form. Hier wird aus Alltagsbewältigung innere Dauerbeschäftigung. Themen sollen bearbeitet, Muster aufgelöst, Blockaden entfernt werden. Das eigene Innenleben wird 24/7 kontrolliert, beobachtet und analysiert – und somit zur Dauerbaustelle. Gerade hier verstärkt sich das Gefühl, nie anzukommen, weil immer noch etwas „nicht gelöst“, „nicht geheilt“ oder „nicht entwickelt“ ist.

Am Ende steht damit nicht mehr Ruhe und Erholung im Vordergrund, sondern eine weitere Struktur, die gepflegt werden will. Statt Entlastung entsteht ein neues Hamsterrad, nur diesmal im Namen der „Selbstfürsorge“.

4. Wie echte Selbstfürsorge aussieht

Selbstfürsorge hat im Alltag oft wenig mit dem zu tun, was man unter diesem Begriff auf Social Media sieht. Sie ist kein Programm, keine Technik und auch kein Ritual, das man „richtig“ ausführen muss. Meist besteht sie aus sehr einfachen Dingen: Pausen machen, sich zurückziehen, Termine absagen, schlafen oder akzeptieren, dass gerade nicht mehr geht. Sie entsteht nicht aus dem Wunsch, ein besserer Mensch zu werden, sondern aus der Einsicht, dass man im Moment vielleicht erschöpft ist. Selbstfürsorge will nichts aus jemandem machen. Sie will nur verhindern, dass es zu viel wird. Und genau deshalb lässt sie sich weder verkaufen noch besonders gut darstellen.

Ist Meditation Selbstoptimierung?
Meditation gilt bei spirituellen Influencerinnen als Pflichtprogramm für ein „besseres Ich“ – ab da ist sie Selbstoptimierung. (Foto: irynakhabliuk)

Fazit: Wo Selbstfürsorge draufsteht, steckt meist Selbstoptimierung drin

Selbstoptimierung hört sich meist wie Selbstfürsorge an, weil wir kaum noch etwas anderes sehen. Auf Social Media begegnen uns ständig Routinen, Programme und Erfolgsrezepte, während echte Ruhe unsichtbar bleibt und einen belanglosen Eindruck macht. Wer etwas „mit sich macht“, gilt als bewusst und kommt seinen Zielen näher.

Dabei wird aus etwas vermeintlich Gutem schnell etwas Anstrengendes. Statt weniger zu müssen, entsteht neues Müssen. Statt Entlastung kommt Beschäftigung. Und so wirkt es irgendwann normal, sich ständig mit sich selbst zu befassen, nur um nicht stehenzubleiben.

Für den Körper ist das nichts anderes als Dauerstress. Selbstfürsorge entsteht nicht durch ständig neue Impulse und To-dos, sondern dadurch, dass man zwischendurch überhaupt nichts von sich verlangt. Unser Nervensystem braucht keine Dauerreize, sondern Phasen echter Ruhe, um sich zu erholen.

Es lohnt sich also, sich bei den vielen Angeboten da draußen eine einfache Frage zu stellen: Tut mir das wirklich gut? Oder sieht es nur so aus, weil jemand damit Geld verdienen möchte?

Vielleicht auch interessant

Geschrieben von
Ute Kranz

Als Gründerin von HappyNotHappy und studierte Kommunikationswirtin mit über 20 Jahren Erfahrung in Medien und Marketing beschäftige ich mich damit, wie Selbstverwirklichung, Sinnsuche und Social Media zusammenhängen – und wie wir herausfinden, was wirklich zu uns passt.

Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ähnliche Artikel

Frau liegt zwischen wirren, kabelartigen Linien, die sie umgeben und einengen – Symbol für wissenschaftlich klingende Erklärungen, die Orientierung versprechen, aber verwirren.
Foto © Andrej Lisakov / Unsplash
Moderne Spiritualität

Atome, Frequenzen, Quantenphysik – Wenn Spiritualität wissenschaftlich wirken soll

Wer sich auf Social Media mit Spiritualität beschäftigt, stößt immer häufiger auf...

Frau liegt entspannt auf einer Couch und beschäftigt sich passiv mit einem Objekt; Darstellung einer von Influencerinnen geprägten, nach innen gerichteten Lebenshaltung ohne sichtbare Aktivität.
Foto © KoolShooters / Pexels
Frau hält leuchtenden Mond am Strand bei Sonnenuntergang – symbolisiert die emotionale Anziehung der Astrologie
Foto © Ruvim / Pexels
Esoterik

Warum Astrologie immer das Gleiche erzählt – und trotzdem so beliebt bleibt

In diesem Jahr wirst du endlich deine innere Wahrheit leben“, „Pluto im...