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Moderne Spiritualität

Atome, Frequenzen, Quantenphysik – Wenn Spiritualität wissenschaftlich wirken soll

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Frau liegt zwischen wirren, kabelartigen Linien, die sie umgeben und einengen – Symbol für wissenschaftlich klingende Erklärungen, die Orientierung versprechen, aber verwirren.
Foto © Andrej Lisakov / Unsplash

Wer sich auf Social Media mit Spiritualität beschäftigt, stößt immer häufiger auf Begriffe aus Wissenschaft und Forschung. Wo früher von Intuition, Sinn oder Verbindung die Rede war, geht es heute um Gehirne, Energiefelder, Co-Creation, Bewusstseinssysteme oder sogenannte „spirituelle Gesetze“. Inhalte zu kommerzieller, moderner Spiritualität werden dabei immer öfter mit Fachsprache erklärt, die man sonst nur aus Schulbüchern oder Wissenschafts-Sendungen im Fernsehen kennt.

Hier lohnt es sich, einmal kurz innezuhalten und zu hinterfragen, was Spiritualität überhaupt mit Wissenschaft zu tun haben soll. Warum braucht es Erklärungen, wo echte Spiritualität doch nichts verlangt, erwartet oder fordert? Und was passiert, wenn Selbstoptimierung und Esoterik mit wissenschaftlicher Sprache aufgeladen werden – nicht nur, um verständlich zu wirken, sondern um legitim zu erscheinen?

In diesem Artikel schauen wir uns an, warum dieses Phänomen immer häufiger auftaucht und warum Wissenschaft in der spirituellen und esoterischen Szene gezielt und gewinnbringend eingesetzt wird. Die folgenden drei Beispiele demonstrieren, wie dieses Muster funktioniert:

Beispiel (A) – Adam, Eva und die Physik

Eine bekannte spirituell-esoterische Influencerin, die nach eigenen Angaben nicht an Gott glaubt, deutet in ihrem Podcast die biblische Geschichte von Adam und Eva neu: Adam stehe für das Atom, Eva für das Elektron als Teil dieses Atoms, und das „Paradies“ sei die Ur-Energie in uns selbst. Physikalisch ist diese Deutung so falsch, dass sie einer Physikerin vermutlich die Tränen in die Augen treiben würde: Atome sind keine Ursprünge, Elektronen keine abgeleiteten Teile, und „Energie“ ist kein spiritueller Zustand.

Verstörend ist außerdem, dass Eva in dieser „atomaren Schöpfungsgeschichte“ nicht als eigenständiges Ganzes dargestellt wird, sondern als Teil von Adam. Das Männliche wird als Ursprung gedeutet, das Weibliche als abgeleitetes Element. Auch das ist nicht unproblematisch, denn spirituelle Influencerinnen vermitteln einer oft großen weiblichen Community immer wieder antifeministische, antiemanzipatorische Geschlechterbilder.

Abstrakte Linien- und Punktstruktur, die an ein komplexes wissenschaftliches Netzwerk oder Diagramm erinnert.
Je wissenschaftlicher und komplizierter es klingt, desto kompetenter wirkt die vortragende Person – auch ohne wissenschaftlichen Background und selbst dann, wenn Aussagen widersprüchlich oder falsch sind. (Foto: Resource Database / Unsplash)

Beispiel (B) – Non-Dualität und die Philosophie

Eine spirituelle Influencerin bietet Coachings zu „höherem Bewusstsein“ an. In der Bewerbung ihrer Methode fallen Begriffe wie Neurobiologie und Quantenphysik. Inhaltlich geht es um Non-Dualität: Alles sei eins, Trennung eine Illusion, das Ich ein Konstrukt, persönliches Leid ein Missverständnis. Was aus philosophisch-spirituellen Traditionen stammt, wird hier nicht als Denkrichtung vermittelt, sondern als Tatsache präsentiert. Zweifel oder Widerspruch gelten dann nicht mehr als legitime Einwände, sondern als Zeichen mangelnden Bewusstseins.

Das Problem: Wenn alles eins wäre, würden Unterschiede verschwinden und damit auch Verantwortung, Machtverhältnisse und Ungerechtigkeit. Wer leidet, hat die Einheit angeblich noch nicht verstanden. Wer widerspricht, gilt als „noch nicht erwacht“. Kritik wird so unmöglich gemacht. Um diese Botschaft zu verkaufen, werden wissenschaftlich klingende Begriffe eingestreut, ohne dass klar würde, auf welche Forschung sie sich beziehen. Wissenschaftssprache dient hier nicht der Erklärung, sondern verleiht einem kommerziellen Angebot den Anschein von Seriosität und Glaubwürdigkeit.

Beispiel (C) – Schamanismus und die Neurowissenschaft

Ein Anbieter bewirbt online eine Ausbildung in sogenannter „Energiemedizin“ und stellt Schamanismus als frühe Form der Neurowissenschaft dar. Rituale, Energiearbeit und Initiationen werden mit Begriffen wie Gehirn, Teilchenzustand, neuronale Netzwerke oder „Gott-Gehirn“ erklärt und in ein Curriculum aus zehn Lektionen überführt. Vermittelt werden unter anderem esoterische Praktiken, z. B. das Drehen von Chakren gegen den Uhrzeigersinn, die Reinigung des sogenannten Lichtenergiefeldes, das „Programmieren“ des eigenen genetischen Schicksals oder Reisen in andere Ebenen mithilfe von Sterberitualen.

Dabei werden Begriffe aus Neurowissenschaft und Medizin verwendet, ohne dass klar wird, worauf sie sich fachlich beziehen. Schamanismus ist keine Neurowissenschaft, sondern eine spirituelle Praxis aus indigenen Kulturen, die auf Erfahrung, Ritual und Weltdeutung basiert. In dem beschriebenen Angebot werden diese Praktiken aus ihrem kulturellen Zusammenhang gelöst, neu gerahmt und kommerziell verwertet – kulturelle Aneignung also. Die Wissenschaftssprache fungiert als Legitimation, um aus indigener Spiritualität ein kommerzielles Produkt mit Zertifikat zu machen.

Was alle drei Beispiele gemeinsam haben?

Mit dieser Form von Spiritualität wird sehr viel Geld verdient! Wissenschaftliche Sprache macht Angebote glaubwürdig, skalierbar und verkäuflich – obwohl echte Spiritualität weder kaufbar noch zertifizierbar ist.

Kein Einzelfall, sondern Muster

Diese drei Beispiele wirken auf den ersten Blick sehr unterschiedlich. Das eine greift auf Physik zurück, das andere auf Philosophie, das dritte auf Neurowissenschaft. Doch sie folgen demselben Prinzip: Spirituelle Aussagen werden mit dem Anspruch auf Wissen oder Wahrheit aufgeladen. Nicht, um etwas sauber zu erklären, sondern um Autorität zu erzeugen.

Es sind dabei fast immer dieselben Begriffe: das Gehirn und das Unterbewusstsein, Neuroplastizität, das retikuläre Aktivierungssystem (RAS), Quantenphysik, Frequenzen, Energie, Schwingung. Dazu kommen „Gesetze“ wie das Gesetz der Anziehung, das Gesetz der Erwartung, das Gesetz von Ursache und Wirkung oder das Gesetz der Resonanz.

Die Begriffe wechseln, das Versprechen aber bleibt gleich: „Wenn du dich innerlich richtig ausrichtest, verändert sich dein Leben – scheinbar logisch, scheinbar erklärbar.“ Dabei geht es nicht um Spiritualität, sondern um Wirkung.

Warum moderne Spiritualität und Esoterik versuchen, wissenschaftlich zu klingen

1. Selbstinszenierung und Selbstaufwertung

Wer über Physik, Neurobiologie oder Bewusstseinssysteme spricht, klingt nicht wie jemand mit einer persönlichen Meinung, sondern wie jemand mit besonderem Wissen: klüger, fundierter, überlegener. Das ist besonders dann nützlich, wenn echte Qualifikationen fehlen. Viele Influencerinnen haben keine fundierte Ausbildung, manchmal nur ein paar Wochen Online-Coaching-Zertifikat.

Wissenschaftliche Sprache füllt diese Lücke und das erstaunlich erfolgreich: Spirituelle Deutungen erscheinen dadurch nicht subjektiv, sondern fundiert. Ob die Begriffe fachlich korrekt sind oder überhaupt Sinn ergeben, ist dabei zweitrangig. Entscheidend ist, dass sie Autorität ausstrahlen, die eigene Position aufwerten und helfen, sich von anderen abzuheben. Im besten Fall entsteht so etwas wie Guru-Status, der Followerinnen langfristig bindet.

Laptop mit der Aufschrift „Join us online“ auf einem Schreibtisch – Symbol für kommerzielle Spiritualität, die als wissenschaftlich legitimiertes Onlineangebot vermarktet wird.
Wissenschaftlich klingende Erklärungen dienen meist nicht der Erkenntnis, sondern der Vermarktung spiritueller und esoterischer Angebote als Produkte und Kurse. (Foto: Samantha Borges / Unsplash)

2. Vertrauensbildung und Denkentlastung

Wissenschaftlich klingende Erklärungen wirken beruhigend. Sie vermitteln den Eindruck, dass komplexe Fragen bereits beantwortet sind. Wer sich auf Neurobiologie, Quantenphysik oder angebliche „Gesetze“ beruft, lädt andere dazu ein, das eigene Denken abzugeben. Wenn beispielsweise Manifestation mit dem retikulären Aktivierungssystem erklärt wird, wirkt sie nicht mehr wie ein Glaubenssatz, sondern wie ein belegter Mechanismus. Was vorher esoterisch oder magisch klang, erscheint plötzlich logisch.

Vertrauen entsteht so nicht durch Nachvollziehbarkeit, sondern durch den Anschein von Wissenschaftlichkeit. Wenn etwas wissenschaftlich wirkt, gilt es als richtig, oder zumindest als nicht weiter hinterfragbar. Wer dennoch zweifelt, hat dann noch nicht das richtige Bewusstsein erreicht, und Kritik wird zur Unreife erklärt. Genau das hält das System in Gang: noch ein Kurs, noch ein Buch, noch ein Produkt, um sich dem „neuen Bewusstsein“ anzuschließen und Teil einer vermeintlich wissenden Gemeinschaft zu sein.

3. Macht und Monetarisierung

Wer Wissen oder ein „höheres Bewusstsein“ beansprucht, kann führen, erklären und anleiten – und daraus ein Geschäftsmodell machen. Aus einer Influencerin wird eine Mentorin, aus einer Mentorin eine Lehrerin oder „Priestess“, aus einem spirituellen Anbieter eine Autoritätsfigur. Diese Rollen bilden die Grundlage für hochpreisige Programme, Kurse, Zertifikate, Masterclasses und ganze Ausbildungen.

Spiritualität liefert dabei den Sinn, Wissenschaft die Glaubwürdigkeit. Wer beides kombiniert, kann Preise rechtfertigen, die mit reiner Lebensberatung kaum durchsetzbar wären. Ein Kurs zu „Manifestation und Neurobiologie“ klingt fundierter als ein Kurs zu „Wünsch dir was“. Die Hierarchie zwischen Anbieterin bzw. Anbieter und Kundin wirkt dann nicht wie ein Machtgefälle, sondern wie der natürliche Unterschied zwischen jemandem, der es verstanden hat, und jemandem, der noch lernen muss.

Fazit: Die Folgen einer scheinbar harmlosen Entwicklung

Problematisch an dieser Form von moderner Spiritualität ist nicht die Sinnsuche selbst, sondern ihre Reproduktion. Über Online-Kurse und vor allem Ausbildungen entstehen immer neue Anbieter:innen, die dieselben Begriffe, Erklärungen und Versprechen weitertragen. Dabei wird nicht nur vereinfacht, sondern häufig falsches oder irreführendes Wissen verbreitet – über Physik, Psychologie, Gehirn oder Bewusstsein. Was wissenschaftlich klingt, ist es oft nicht.

Je mehr Menschen diese Inhalte konsumieren, lehren und anbieten, desto selbstverständlicher werden sie. Esoterische Deutungen setzen sich fest, wissenschaftlich aufgeladene Behauptungen werden zu vermeintlichen Fakten. Kritik erscheint dann nicht mehr als berechtigt, sondern als rückständig oder „unbewusst“.

Das Wichtigste zum Schluss: Echte Spiritualität hat mit all dem wenig zu tun. Sie lässt sich nicht zertifizieren, nicht skalieren und nicht verkaufen. Sie braucht keine falschen Beweise und keine wissenschaftliche Tarnung. Sie beginnt da, wo nichts vorgeschrieben ist und Zweifel erlaubt sind. Und wo kein falsches Wissen als Wahrheit verkauft wird.

Weiterführende Links und Quellen

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Geschrieben von
Ute Kranz

Als Gründerin von HappyNotHappy und studierte Kommunikationswirtin mit über 20 Jahren Erfahrung in Medien und Marketing beschäftige ich mich damit, wie Selbstverwirklichung, Sinnsuche und Social Media zusammenhängen – und wie wir herausfinden, was wirklich zu uns passt.

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