Die Vorstellung, dass Menschen Botschaften aus einer „geistigen Welt“ empfangen können, gibt es schon lange. Was früher eher in esoterischen Randbereichen zu finden war, spielt in der modernen Spiritualität seit einigen Jahren eine immer größere Rolle.
Auf Social Media wirken solche Personen interessant, weil sie einen besonderen Zugang zu einer unsichtbaren Welt zu haben scheinen. Entsprechend ist rund um das Thema ein kommerzielles Angebot entstanden.
Gerade weil es inzwischen fast selbstverständlich wirkt, dass bestimmte Menschen vorgeben, einen exklusiven Zugang zu dieser geistigen Ebene zu haben, möchten wir uns diesem Thema widmen, denn dabei gibt es einiges zu beachten.
1. Was versteht man unter Channeling
Der Begriff bezeichnet eine Praxis, bei der ein Mensch Botschaften empfängt und weitergibt, die er nach eigener Darstellung von sogenannten Geistführern, Engeln, Verstorbenen, einer höheren Bewusstseinsebene oder „dem Universum“ erhält. Voraussetzung soll ein erweitertes Bewusstsein sein, verbunden mit dem „dritten Auge“ oder dem sechsten Chakra.
Angeboten wird Channeling von Personen, die sich als Medium, „Energiearbeiterin“ oder „spirituelle Begleiterin“ bezeichnen. Inzwischen ist es auch in Coaching-Kontexten oder schamanischer Praxis präsent. Die Inhalte reichen von persönlicher Orientierung (Hinweise zu Entscheidungen, Beziehungen oder Lebensweg) bis hin zu kollektiven Botschaften, die zur Heilung der Menschheit oder zu größeren Zusammenhängen beitragen sollen.
Gerade diese Aufladung eines exklusiven Zugangs verleiht Channeling eine besondere Autorität: Die Botschaft gilt nicht mehr als persönliche Meinung, sondern als übergeordnete Wahrheit. Channelings findet man in unterschiedlichen, meist hochpreisigen Formaten: persönliche Readings, Gruppenformate und Kurse, die versprechen, dass man diesen Zugang selbst entwickeln könne.
2. Ist Channeling Spiritualität oder Esoterik?
Der Begriff wird häufig im Kontext von Spiritualität erwähnt, aber klassische Spiritualität bezieht sich in der Regel auf innere Prozesse: Wahrnehmen, Annehmen oder das eigene Erleben.
Beim Channeling hingegen stehen externe Antworten im Vordergrund: von Wesen, Engeln, Guides oder einer geistigen Welt, der Wissen oder Einsichten zugeschrieben werden, die dem Menschen sonst nicht zugänglich sind. Die Grundannahme ist, dass diese Welt real existiert, dass dort eigenständige Wesen oder Ebenen existieren und dass Menschen mit ihnen kommunizieren können.
Das macht Channeling zu einem esoterischen Konzept. Es basiert auf magischem Denken, also der Vorstellung, dass eine nicht nachweisbare Welt konkretes Wissen über die Welt oder das Leben einzelner Menschen liefern kann.
3. Was sagt die Wissenschaft über Channeling?
Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keinen Nachweis dafür, dass Menschen, die angeben zu channeln, tatsächlich Botschaften von einer äußeren Instanz empfangen. Was sich hingegen gut untersuchen lässt, sind die inneren Prozesse der Channelnden selbst. Menschen können sehr lebendige innere Bilder entwickeln, Gedanken als Eingebung erleben oder das Gefühl haben, dass etwas „von selbst“ entsteht. Solche Erfahrungen sind zwar real, aber sie lassen sich psychologisch erklären, ohne dass dafür eine übernatürliche Ursache angenommen werden muss.
Es lässt sich also nicht feststellen, ob das, was Channelnde weitergeben, wirklich von außen kommt oder im eigenen Denken entsteht. Diesen Unterschied kann weder die Person selbst beurteilen noch jemand anderes. Warum das problematisch ist, zeigen wir in Punkt 6.

4. Warum Channeling so anziehend wirkt
Viele Menschen finden Channeling attraktiv, weil es Antworten verspricht, die sie in sich selbst oder im Alltag nicht finden. Statt allein mit Unsicherheit umgehen zu müssen, scheint es möglich, eine Orientierung für seinen Weg von außen zu bekommen. Hinzu kommt, dass die Inhalte meist sehr persönlich wirken. Botschaften beziehen sich auf konkrete Lebenssituationen, Gefühle oder Fragen und vermitteln den Eindruck, genau zu passen.
Gleichzeitig spricht die Idee dahinter grundlegende Bedürfnisse an: nach Sinn, Verbindung, Führung und danach, sich als Teil von etwas Größerem zu sehen. Die Vorstellung, dass es ein höheres Bewusstsein gibt, das einen kennt, begleitet und Antworten geben kann, hat eine starke emotionale Wirkung. Wer sich damit beschäftigt, bewegt sich zudem oft in einem Umfeld, in dem solche Erfahrungen geteilt und bestätigt werden. Das kann bestimmte Deutungen verfestigen und sie mit der Zeit selbstverständlich wirken lassen.
5. Warum Channeling ein gutes Geschäftsmodell ist
Das Prinzip ist einfach: Jemand behauptet, Zugang zu einer Ebene zu haben, die anderen nicht offensteht. Ein einziger Satz wie „Ich habe heute etwas aus der geistigen Welt empfangen“ reicht, um sich als Person zu präsentieren, die mehr sieht, mehr weiß oder über besonderes Wissen verfügt. Diese Rolle lässt sich nicht überprüfen — und genau darin liegt die Stärke. Besonders auf Social Media hat sich das als wirksames Mittel etabliert. Wer regelmäßig von empfangenen Botschaften berichtet, baut nach und nach eine besondere Autorität auf.
Auf dieser Grundlage lässt sich vor allem für spirituelle Anbieter:innen ein lukratives Angebot aufbauen. Denn gerade Menschen, die in schwierigen Lebensphasen nach Antworten suchen, können für solche Angebote empfänglich sein. Sessions und Readings vermitteln das Gefühl, gehört und gesehen zu werden. Programme und Kurse versprechen, dass man diesen Zugang selbst entwickeln kann. Was dabei verkauft wird, ist im Kern Orientierung und Beruhigung, verpackt als Botschaft von außen.

6. Warum Channeling problematisch ist
Gerade weil viele Menschen diese Angebote in belastenden Lebensphasen nutzen, ist bei Channeling Vorsicht angebracht und wir möchten an dieser Stelle ausdrücklich eine Warnung aussprechen. Wer sich in einer Krise befindet, auf Antworten hofft oder emotional stark belastet ist, nimmt solche Aussagen meist nicht als ein paar nette Gedanken wahr, sondern als etwas sehr Bedeutungsvolles, zumal es oft auch kostenintensiv ist. Und genau darin liegt das Risiko.
Problematisch ist Channeling vor allem, weil:
- niemand sicher sagen kann, ob das Gesagte stimmt oder nicht!
Es gibt keine Möglichkeit zu überprüfen, ob eine „Botschaft“ tatsächlich von außen kommt oder ob sie auf Fantasie, Deutung oder Projektion beruht. - sich solche Aussagen tief einprägen können!
Gerade wenn es um Vergangenheit, Beziehungen, Identität oder den eigenen Lebensweg geht, können Sätze hängen bleiben und noch lange nachwirken, ohne dass man jemals erfährt, ob sie überhaupt wahr waren. - sie lebensverändernd sein können!
Was in einem Reading gesagt wird, kann Entscheidungen beeinflussen, Zweifel verstärken oder das eigene Selbstbild verändern – selbst dann, wenn die Grundlage dafür unklar bleibt. - viele Anbieter keine therapeutische Ausbildung haben!
Sie wissen oft nicht, was bestimmte Aussagen bei Menschen auslösen können, die gerade verletzlich, verunsichert oder psychisch belastet sind. - Hilfesuchende in solchen Situationen besonders empfänglich sind!
Wer nicht weiterweiß, sucht Orientierung. Genau deshalb können Aussagen in diesem Moment ein übergroßes Gewicht bekommen. - das Ganze auch als Marketing genutzt wird!
Der Verweis auf eine geistige Welt, einen besonderen Zugang oder Botschaften von Engeln oder „Spirit Guides“ wertet Angebote von Anbieter:innen auf – obwohl völlig offen bleibt, ob diese Botschaften tatsächlich empfangen, selbst entwickelt oder schlicht erfunden wurden.
Wir möchten daher dringend empfehlen, Angebote und Aussagen skeptisch zu betrachten. Sie können großen Einfluss haben, ohne dass überprüfbar ist, ob das Gesagte tatsächlich empfangen wurde oder ob es sich um Deutung, Fantasie,od Inszenierung oder Täuschung handelt.
Fallbeispiel aus der Beratungspraxis der Sekteninfo NRW
– Sekteninfo NRW: Unseriöse (Online-) Coaching-Angebote für junge Menschen – Vorsicht vor Scharlatanen!
Eine junge Frau berichtete nach Erfahrungen mit einem sogenannten Heilcoach, ihr sei suggeriert worden, sie sei eine außerirdische Prinzessin, müsse gegen Aliens kämpfen und ihre Gedanken würden von außen gesteuert. In Hypnose habe sie Kontakt zu ihrem höheren Selbst aufgenommen. Nach einem Jahr mit täglichem Kontakt zu dem Coach sei bei ihr eine Psychose aufgebrochen. Noch heute sei sie verunsichert, ob ihre Gedanken nicht doch von außen gesteuert würden.
Botschaften aus Channelings sind nicht harmlos!
Der Wunsch nach Antworten auf offene Fragen ist total verständlich. Unsicherheiten auszuhalten ist anstrengend und manchmal sogar quälend, und die Vorstellung, dass es eine Instanz geben könnte, die mehr weiß und klare Hinweise gibt, hat eine starke emotionale Anziehungskraft.
Was wir nach unserer jahrelangen Erfahrung sagen können: Aussagen aus einem Reading bringen selten langfristige Klarheit. Sie beruhigen mitunter kurzfristig, hinterlassen aber häufig neue Fragen, Abhängigkeiten oder Deutungen, die sich festsetzen. Manchmal hört man Dinge, die verstören, verwirren und das eigene Leben langfristig beeinflussen – ohne je herauszufinden, ob das Gesagte überhaupt stimmt. Und wichtig: Man begibt sich in die Hände von Menschen, die in der Regel keine therapeutische Ausbildung haben.
Wer nach echten Antworten sucht und sich Veränderung wünscht, hat andere, realistischere Möglichkeiten. Dazu gehört zum Beispiel eine klassische Spiritualität, die nicht auf äußere Botschaften ausgerichtet ist, sondern auf die Annahme dessen, was ist. Ein seriöses Coaching kann dabei helfen, eigene Ressourcen zu aktivieren und konkrete Schritte zu gehen. Beides gibt keine fertigen Antworten, stärkt aber die Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen, statt sie auszulagern.


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