Selbstliebe ist in den letzten Jahren zu einem der zentralen Themen in moderner Spiritualität, Coaching und auf Social Media geworden. Auf den ersten Blick scheint Selbstliebe auch Sinn zu machen. Viele Menschen haben gelernt, zu streng mit sich zu sein, sich abzuwerten, sich mit anderen zu vergleichen und immer funktionieren zu müssen. Selbstliebe soll diesem Druck etwas entgegensetzen: Wer sich selbst liebt, sich annimmt und die eigenen Bedürfnisse ernst nimmt, so heißt es, lebt besser und ausgeglichener.
Was dabei allerdings fast unbemerkt passiert, ist: Selbstliebe hat sich von einer einladenden Idee zu einem Ziel verwandelt, das es zu erreichen gilt.
Bewusst wurde mir das durch eine SWR Nachtcafé-Sendung (2019), in der der Philosoph Wilhelm Schmid über Selbstfreundschaft sprach. Der Begriff klingt auf den ersten Blick ähnlich und meint doch etwas anderes: es gibt kein hohes Ideal, keinen bestimmten Gefühlszustand, sondern ein Verhältnis zu sich selbst und anderen, das keine Perfektion verlangt und dadurch einen anderen, gelasseneren Umgang mit sich selbst ermöglicht. In diesem Artikel möchte ich diesen Gedanken aufgreifen und zeigen, warum Schmids Ansatz eine echte Alternative zur Selbstliebe ist.
Liebe und Freundschaft sind schon bei den Beziehungen zwischen zweien nicht dasselbe, so auch in der Beziehung zu sich selbst.
– Wilhelm Schmid, Selbstfreundschaft – Wie das Leben leichter wird
1. Was versteht man unter Selbstfreundschaft?
Selbstfreundschaft meint bei Schmid im Kern etwas sehr Einfaches: mit sich selbst so umzugehen, wie man mit einem guten Freund oder einer guten Freundin umgehen würde: Einen guten Freund erwartet man nicht perfekt. Man akzeptiert, dass er Schwächen und Fehler hat, dass er nicht perfekt ist, dass er zweifelt, Ängste und Sorgen hat, nicht alles im Leben im Griff hat. Man hört einer Freundin zu, ohne sofort zu urteilen. Es bleibt eine Freundschaft, auch wenn die Freundin mal einen Fehler macht oder gerade nicht in Bestform ist.
Mit sich selbst befreundet zu sein heißt nicht, sich gut finden zu müssen oder in einem bestimmten inneren Zustand zu sein. Sie heißt, sich selbst nicht ständig unter Druck zu setzen, sich nicht sofort abzuwerten und sich auch in schwierigen Phasen nicht fallen zu lassen. Es geht weniger darum, sich zu optimieren oder „bei sich anzukommen“, sondern darum, sich auszuhalten — mit allem, was dazugehört.
2. Was kritisiert Schmid an Selbstliebe?
Für Schmid ist Selbstliebe zu anspruchsvoll, zu zielorientiert und zu sehr auf das eigene Ich fixiert. Seine Kritik lässt sich in drei Punkten zusammenfassen.
Erstens ist der Begriff zu hoch gegriffen.
„Liebe“ ist etwas Großes, oft sogar etwas, das als bedingungslos gedacht wird. Überträgt man das auf das Verhältnis zu sich selbst, wird daraus schnell ein Ideal, das sich kaum erreichen lässt.
Nach Vollkommenheit zu suchen heißt, Anlässe zur Verzweiflung zu finden.
– Wilhelm Schmid, Selbstfreundschaft – Wie das Leben leichter wird
Zweitens wird Selbstliebe heute oft als Ziel formuliert.
Sie erscheint häufig nicht mehr als Möglichkeit, sondern als etwas, das man erreichen soll: sich vollständig annehmen, ganz mit sich im Reinen sein. Dadurch entsteht wieder Druck – genau das, was der Begriff eigentlich vermeiden wollte.
Drittens kann Selbstliebe leicht in Selbstbezogenheit kippen.
Wenn sich alles darum dreht, wie ich mich fühle, ob ich mich genug liebe und ob ich ganz bei mir bin, kreist das Leben sehr stark um das eigene Ich. Schmid sieht darin die Gefahr von Narzissmus oder Selbstübersteigerung.
Der übermäßig Selbstliebende schlingt gerne die Arme fest um sich, blickt von einer Uferbrüstung aus träumerisch über das Wasser und erdrückt sich schier mit seiner Umarmung, ohne dabei selbst froh zu werden. […] Da kein Spiegelbild reale Mängel beseitigen kann, unterliegt er ständig der Gefahr, enttäuscht von sich zu sein.
– Wilhelm Schmid, Selbstfreundschaft – Wie das Leben leichter wird
3. Was Selbstfreundschaft verändern kann
Eine Freundschaft mit uns selbst entlastet, weil sie weniger von uns verlangt als Selbstliebe. Sie setzt kein hohes Ideal voraus und keinen bestimmten inneren Zustand. Man muss sich nicht vollständig annehmen, nicht mit sich im Reinen sein und sich auch nicht besonders gut finden. Es reicht, sich nicht ständig unter Druck zu setzen und sich selbst nicht zum Projekt zu machen.
Gerade darin liegt der Unterschied. Mit einem guten Freund oder einer guten Freundin geht man geduldiger um: Man erwartet nicht, dass er oder sie immer stark, souverän und ausgeglichen ist. Man hält Fehler, Zweifel und schlechte Phasen aus, ohne gleich alles infrage zu stellen. Selbstfreundschaft heißt, sich selbst mit derselben Geduld zu begegnen. Sie ist deshalb so entlastend, weil sie nicht nach Perfektion fragt, sondern nach einem freundlicheren, tragfähigeren Umgang mit sich selbst.
Von Nichtperfektion fühlt der Selbstfreund sich nicht gekränkt. Wie in der Freundschaft, in der der Andere mit all seinen Eigenheiten akzeptiert wird, ist er dazu auch sich selbst gegenüber bereit. So kann er einer sein, der sich mag, obwohl er sich kennt.
– Wilhelm Schmid, Selbstfreundschaft – Wie das Leben leichter wird
Fazit: Weniger Druck, mehr Selbstfreundschaft
Eine freundschaftliche Beziehung mit uns selbst verlangt nicht, dass wir uns vollständig annehmen oder gar lieben. Gerade deshalb wirkt sie entlastend. In einer Zeit, in der selbst der Umgang mit uns selbst schnell zu einem Ziel wird, das man erreichen soll, setzt Selbstfreundschaft an einer anderen Stelle an: nicht beim Ideal, sondern bei der Beziehung zu sich selbst.
Gerade darin unterscheidet sich der Begriff von vielem, was heute im Coaching und in der Selbstoptimierung als Lösung angeboten wird. Es wird oft mit großen Versprechen gearbeitet: mehr Heilung, mehr Klarheit, mehr Selbstwert, mehr bei sich selbst ankommen. Selbstfreundschaft ist bescheidener und vielleicht gerade deshalb viel realistischer. Sie verlangt nicht, dass wir ein bestimmtes Bild von uns erreichen. Sie schlägt nur vor, etwas geduldiger und freundlicher mit uns umzugehen.
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