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Esoterik

Warum Astrologie immer das Gleiche erzählt – und trotzdem so beliebt bleibt

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Frau hält leuchtenden Mond am Strand bei Sonnenuntergang – symbolisiert die emotionale Anziehung der Astrologie
Foto © Ruvim / Pexels

In diesem Jahr wirst du endlich deine innere Wahrheit leben“, „Pluto im Wassermann wird dich transformieren“ und „Neue Möglichkeiten zur Entwicklung ergeben sich in diesem Jahr“. Gerade zu Beginn eines jeden Jahres tauchen diese Sätze massenweise auf: in Magazinen, Podcasts und sozialen Medien. Sterne und Planeten werden gedeutet, um zu erklären, was uns erwartet. Aber klingen all die Prophezeiungen nicht auffallend ähnlich?

Nicht nur die Jahreshoroskope, auch die täglichen und wöchentlichen Deutungen erzählen seit Jahrzehnten dieselbe Geschichte von Wandel, Chancen und innerer Klarheit, die sich irgendwo hinter einer Krise verbergen soll. Es scheint, als würde sich die Astrologie immer wieder neu erfinden – nur um erneut zuverlässig das Gleiche zu sagen. Woran das liegt und was es über die Grundlagen astrologischer Deutung verrät, erfährst du in diesem Artikel.

Die doppelte Illusion

Astrologie lebt von einem grundlegenden Widerspruch: Sie wirkt individuell und bedeutungsvoll, obwohl die Aussagen austauschbar sind und auf veralteten Grundlagen beruhen. Wie das funktioniert, zeigt ein Blick auf zwei Ebenen:

1. Immer wieder neu – und doch immer gleich

Um zu sehen, wie ähnlich astrologische Vorhersagen wirklich sind, kann man ein einfaches Experiment machen: Jahreshoroskope derselben Astrologin oder derselben Plattform aus verschiedenen Jahren vergleichen. Nicht verschiedene Astrologen im selben Jahr, sondern ein und denselben Kanal über längere Zeit. Wer den Test selbst macht, wird sofort sehen, wie wenig sich die Botschaften tatsächlich unterscheiden.

Ein Beispiel für Vorhersagen desselben Astrologen:

  • 2023 – Das Mars-Jahr: „Das Jahr wird dem Planeten Mars zugeschrieben. Dieser wird mit Energie, Aktivität, Mut und Durchsetzungsvermögen in Verbindung gebracht.“
    Kurz gesagt: Mars = Energie, Tatendrang, Vorwärtskommen. Dieses Jahr wird energiegeladen, man sollte mutig sein.
  • 2024 – Das Sonnenjahr: „Das Sonnenjahr verspricht eine Zeit des Aufbruchs und der individuellen Blüte für alle Sternzeichen. Unter der strahlenden Energie der Sonne werden persönliche Ziele, berufliche Bestrebungen und Beziehungen in den Mittelpunkt gerückt.“
    Kurz gesagt: Sonne = Erfolg, Ausstrahlung, persönliche Entwicklung. Dieses Jahr wird erfolgreich, man rückt in den Mittelpunkt, die eigenen Ziele stehen im Fokus.

Auf den ersten Blick wirken die Vorhersagen unterschiedlich – Mars versus Sonne, Energie versus Glanz. Aber im Kern geht es immer um dasselbe: Vorankommen, Wachstum, Veränderung, Hoffnung. Die Planeten sind austauschbar, die Botschaften wiederholen sich lediglich in neuen Worten. Was wie eine frische Prophezeiung wirkt, ist in Wahrheit seit Jahrzehnten dasselbe Muster: immer wieder neu verpackt, immer gleich.

Frau studiert astrologische Diagramme und Horoskop-Charts – praktische Anwendung astrologischer Deutungen
Astrologie wirkt methodisch und durchdacht, beruht jedoch nur auf Überlieferungen und nicht auf wissenschaftlich überprüfbaren Grundlagen. (Foto: Jordan Gonzalez / Unsplash)

2. Astrologische Deutungen auf veralteter Grundlage

Das System, auf dem Astrologie basiert, wurde vor rund 2000 Jahren entwickelt. Seitdem hat sich die Erdachse verschoben (sog. Präzession). Deshalb stimmen die Sternzeichen und Planetenkonstellationen in Horoskopen heute nicht mehr mit den tatsächlichen Positionen am Himmel überein.

Konkret heißt das: Wenn gesagt wird „Die Sonne steht im Wassermann“ oder „Pluto im Wassermann“, beziehen sich diese Aussagen auf Positionen, die astronomisch nicht mehr zutreffen. Tatsächlich steht die Sonne derzeit im Steinbock, Pluto an einer ganz anderen Stelle. Trotzdem werden auf dieser Grundlage konkrete Vorhersagen formuliert wie „Pluto im Wassermann wird dich transformieren“ oder „Pluto bringt dieses Jahr große Veränderungen“.

Diesen neuen Blick auf das Universum ignoriert die Astrologie allerdings standhaft. Sie hält an ihrem geozentrischen Weltbild aus der Vergangenheit fest.

– Spektrum.de: Der Kreisel und die Sternzeichen

So entsteht eine doppelte Illusion: Die Deutungen wirken individuell und bedeutungsvoll, basieren aber auf einem überholten Modell. Gleichzeitig sind die Formulierungen so offen gehalten, dass kaum auffällt: Die Sterne und Planeten stehen längst woanders oder dass dieselben Sätze für Millionen von Menschen gelten sollen.

Der Barnum-Effekt – warum Astrologie so anziehend wirkt

Auch wenn astrologische Vorhersagen auf alten, verschobenen Konstellationen beruhen, wirken sie oft überraschend ansprechend. Das liegt am Barnum-Effekt: Menschen neigen dazu, vage, allgemein formulierte Aussagen als speziell auf sie zugeschnitten zu interpretieren. Typische Beispiele aus Horoskopen: „Dieses Jahr wird dir viel Energie bringen“, „Du wirst vor neuen Herausforderungen stehen“ oder „Es ist eine Zeit der persönlichen Entwicklung“.

Jede:r kann darin etwas Eigenes erkennen, egal, welches Sternzeichen oder welcher Planet angeblich Einfluss hat. Menschen übertragen die allgemeinen Aussagen auf ihre eigene Situation. Wer also gerade einen Jobwechsel plant, interpretiert „neue Herausforderungen“ als Hinweis darauf. Wer sich überarbeitet fühlt, versteht den Hinweis als Warnung. Die Aussagen sind so offen, dass sie auf fast jede Lebenssituation passen und dennoch den Eindruck erwecken, die Astrologie treffe punktgenau.

Frau konsultiert astrologische Deutungen auf Tablet mit Planetenpositionen und Symbolen
Astrologische Deutungen sind längst nicht mehr nur Arbeiten von Einzelpersonen, sondern ein riesiges digitales Business mit Apps, Algorithmen und KI. (Foto: Kateryna Hliznitsova / Unsplash)

Woher stammt eigentlich das Wissen hinter astrologischen Deutungen?

Wissenschaftliche Forschung steckt nicht dahinter. Alles, was über Planeten und Sternzeichen behauptet wird, geht auf Festlegungen zurück, die seitdem weitergegeben werden. Ein Beispiel: Vor 2000 Jahren legte jemand fest: „Der Planet Jupiter steht für Glück und Erfolg.“ Warum? Weil der Planet nach dem römischen Gott Jupiter benannt war und dieser Gott als mächtig und göttlich galt. Seitdem wird diese Zuschreibung weitergegeben, von Generation zu Generation, in Ausbildungen und Büchern. Niemand überprüft, ob sie stimmt.

Studie: Geburtszeitpunkt und Charakter
Ein dänisch-deutsches Forscherteam analysierte Daten von über 15.000 Teilnehmern. Ergebnis: Es gab keinen statistisch bedeutsamen Zusammenhang zwischen dem Geburtszeitpunkt und Persönlichkeitsmerkmalen.

Wissenschaft.de (2006)

Bei neuen Planeten zeigt sich das besonders deutlich: Als Pluto 1930 entdeckt wurde, gab es keine mythologische Vorlage. Astrolog:innen legten hier eine Bedeutung fest: zuerst „Krieg und Zerstörung“ (weil er während der Weltwirtschaftskrise entdeckt wurde), später wurde ihm „Transformation“ zugeschrieben.

Was bedeutet das? Astrolog:innen üben keinen anerkannten Beruf aus, ihre Vorhersagen beruhen oft auf individuellen Deutungen und sind mangels wissenschaftlicher Nachweise nicht überprüfbar. Astrologische Deutungen beruhen daher nicht auf einer einheitlichen Methode, sondern stellen nur die Weitergabe von Interpretationen und Aussagen dar, die irgendwann einmal festgelegt wurden.

Fazit: Warum Menschen den Sternen vertrauen wollen – besonders in unsicheren Zeiten

Die Beliebtheit der Astrologie hat wenig mit den Sternen zu tun und viel mit der Realität, in der wir leben. In Krisenzeiten steigt die Nachfrage nach astrologischen Deutungen. Ein Astrologenbund hatte beispielsweise 2021 knapp 20 Prozent mehr Neumitglieder als im Jahr zuvor, mitten in der Corona-Pandemie. Die Psychologin Stephanie Karrer bringt es auf den Punkt:

Je unsicherer die Zeiten sind, desto mehr zieht es die Menschen zu Dingen wie der Astrologie.

– Stephanie Karrer, Psychologin, im SRF-Interview

Der Grund dafür ist demnach psychologisch, nicht astrologisch. In einer Welt, die sich unkontrollierbar anfühlt, verspricht ein Horoskop, dass es einen Plan gibt und dass die Zukunft nicht völlig offen ist. Und das fühlt sich gut an. Astrologie übernimmt heute Funktionen, die früher die Religion hatte. Sinnsuche, Halt, Orientierung, das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. Wer nicht mehr in die Kirche geht, sucht die Antworten woanders.

Das macht Astrologie zu mehr als einem Trend. Sie zeigt deutlich, wonach viele Menschen suchen: nach Bedeutung, nach Struktur, nach jemandem oder etwas, das sagt: „Es wird schon einen Sinn haben.“ In dieser Unsicherheit kann sie tröstlich wirken. Dass die Grundlagen veraltet sind und die Deutungen auf nichts Überprüfbarem basieren, ändert nichts daran, dass das Bedürfnis dahinter echt ist.

Die Frage ist nur, ob Astrologie der richtige Ort ist, um dieses Bedürfnis zu stillen. Denn gerade weil hinter den Vorhersagen nichts Überprüfbares steht, kann es problematisch werden, Entscheidungen oder Hoffnungen davon abhängig zu machen.

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Geschrieben von
Ute Kranz

Als Gründerin von HappyNotHappy und studierte Kommunikationswirtin mit über 20 Jahren Erfahrung in Medien und Marketing beschäftige ich mich damit, wie Selbstverwirklichung, Sinnsuche und Social Media zusammenhängen – und wie wir herausfinden, was wirklich zu uns passt.

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