Die dunkle Jahreszeit, in der es sich viele zu Hause auf der Couch gemütlich machen, ist vor allem für spirituell-esoterische Influencerinnen eine wichtige Phase, um Reichweite aufzubauen und Produkte zu verkaufen. Zum Start ins neue Jahr dreht sich alles um Identität, Lebensgestaltung und die Frage, was sich zukünftig ändern soll. Eigentlich Themen, die nach Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und Selbstwirksamkeit klingen, in Wirklichkeit jedoch etwas ganz anderes vermitteln.
Millionen Followerinnen werden vor ihren Bildschirmen angeleitet, Wünsche aufzuschreiben, zu manifestieren, zu meditieren, zu räuchern, zu vergeben, Horoskope zu lesen, Orakelkarten zu ziehen – und dabei dankbar, radikal freundlich und dauerhaft positiv zu bleiben. Alles Dinge, die sich bequem von jener Couch aus erledigen lassen, auf der mit sanften Worten das Tor zur Welt des magischen Denkens geöffnet wird. Verbunden mit der Hoffnung, dass das Universum alles in Ordnung bringt.
Dieser Artikel basiert auf aktuellen Eindrücken von drei sehr bekannten Instagram-Accounts mit den Schwerpunkten Astrologie, moderner Spiritualität und Body-Positivity, die alle esoterische Elemente in ihren Inhalten vermitteln.
Emanzipation bedeutet, das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen: Entscheidungen bewusst zu treffen, Verantwortung für sich zu übernehmen und handlungsfähig zu sein, statt darauf zu warten, dass andere den Weg vorgeben.
Während Feminismus als politische und gesellschaftliche Bewegung auf strukturelle Veränderungen und Gleichberechtigung zielt, geht es bei Emanzipation um die eigene innere und äußere Unabhängigkeit: Wer bin ich? Was will ich? Und was tue ich konkret, um mein Leben entsprechend zu gestalten?
Sich selbst und die Welt verändern – bequem von der Couch aus
Meditieren, Manifestieren, Wünsche aufschreiben, Journaling, Vergeben – all diese Praktiken haben eines gemeinsam: Sie lassen sich gemütlich im Sitzen erledigen. Vom Sofa aus, mit Kerze, Tee und Smartphone. Zwar ist häufig von „Community“, „gemeinsam durch die Rauhnächte gehen“ oder „positive Energie in die Ukraine senden“ die Rede, tatsächlich bleibt die Rolle der Followerinnen jedoch dieselbe: zuhören, nachmachen, konsumieren.
Auf den ersten Blick mag vielleicht der Eindruck von Aktivität entstehen, weil man ein Journal kauft und ausfüllt, Wünsche auf Zettel schreibt, Termine zum Energie-Senden einhält, sich zum Meditieren hinsetzt. Aber am Ende bleibt es beim Wünschen, Hoffen, Vergeben. Dieses „Couch-Prinzip“ hält Frauen in einer Dauerschleife passiver Maßnahmen: beschäftigt mit sich selbst, angeleitet von außen, wartend auf magische Fügungen.

Die Veränderung wird nach innen verlagert und aktives Handeln bleibt aus – nicht, weil Einzelne zu bequem wären, sondern weil die Angebote Passivität als Selbstfürsorge verpacken.
Die treueste Community ist die, die auf der Couch sitzen bleibt
In Zeiten, die sich unruhig und unsicher anfühlen, bieten die Inhalte dieser Influencerinnen etwas, das viele heute suchen: einen Rückzugsort. Die Stimmen sind sanft, die Worte fürsorglich, die Ästhetik warm und einladend. Es entsteht das Gefühl von Gemeinschaft: wenn auf einem Instagram-Rauhnachts-Account mehr als 90.000 Frauen gleichzeitig ihre Wünsche aufschreiben, fühlt sich das nach etwas Größerem an, nach Zugehörigkeit.
Astrologie, Manifestation, Rauhnachts-Rituale – sie erschaffen eine eigene Welt mit eigenen Regeln. Eine magische Welt, in der das Universum zuhören soll, in der Wünsche magisch aufgeladen werden und in der alles vermeintlich einen tieferen Sinn hat. Das kann sich entlastend anfühlen, gerade wenn die Realität draußen überfordernd wirkt. Es ist nachvollziehbar, dass das anzieht.
Gleichzeitig funktioniert genau das für Influencerinnen in der modernen, kommerziellen Spiritualität und Esoterik. Und der Algorithmus begünstigt das zusätzlich: Wer einmal solche Inhalte anschaut, bekommt mehr davon. Die Bindung wird stärker, das Vertrauen wächst, und damit auch die Bereitschaft, das Journal zu kaufen, den Online-Kurs zu buchen oder das nächste Ritual mitzumachen.
Im Buch „Influencer: Die Ideologie der Werbekörper“ heißt es dazu:
Und allem Geraune vom Female Empowerment zum Trotz: Der Erfolg der Influencerinnen hängt eben davon ab, dass ihre Followerinnen sich nicht emanzipieren. Denn nur dadurch können sie aus ihnen Profit schlagen, ihnen Kosmetikprodukte und Booty-Workouts verkaufen.
Denn je selbstbestimmter Frauen sind, desto kritischer schauen sie auf solche Inhalte und desto weniger interessieren sie sich für Ratschläge, kosmische Deutungen oder Produkte zur Selbstoptimierung auf Social Media. Emanzipierte Frauen sind für Influencerinnen schlichtweg wirtschaftlich kontraproduktiv.
Fazit: Wenn Aktivität präsentiert und Passivität vermittelt wird
Die Influencerinnen, die diese Inhalte anbieten, sind selbst permanent sichtbar, produzieren täglich Content, zeigen persönliche Einblicke und posten Bilder, in denen sie sich und ihr Business präsentieren. Ihr Erfolg basiert auf maximaler Aktivität, Präsenz und unternehmerischem Handeln.
Was sie ihren Followerinnen vermitteln, ist das Gegenteil: nach innen gehen, still werden, wünschen, vergeben, warten und akzeptieren, was ist. Während sie selbst Reichweite aufbauen und Produkte verkaufen, sollen ihre Followerinnen meditieren und hoffen, dass sich etwas verändert. So entsteht ein Machtgefälle: Die eine handelt, die andere bleibt passiv. Und das wird systematisch durch Algorithmen und den Zuspruch in emoji-gefüllten Kommentarspalten gefördert.

In einer Zeit, in der wir Frauen in einer immer noch stark patriarchalen Gesellschaft leben, ist Emanzipation vielleicht wichtiger denn je. Stattdessen wächst ein Markt, der davon lebt, dass Frauen passiv, unkritisch und angepasst bleiben – angeleitet von Frauen, die selbst alles andere als das sind. Das ist nicht nur ein Problem des Konsums, sondern ein gesellschaftliches Phänomen, das beeinflusst, wie vor allem junge Frauen Selbstwert, Eigenständigkeit und Handlungskraft wahrnehmen. Und das sollte uns Sorge bereiten.
Weiterführende Links und Quellen
- IDZ Jena: Self-Care, Mental Health und Antifeminismus
- Taylor & Francis Online: #ThatGirl, Rückzug ins Private & Neoliberalismus
- ScienceDirect: How credibility and parasocial interaction influence purchase intentions
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