In den vergangenen Jahren boomt Manifestation wie kaum eine andere esoterische Praxis. Bücher, Podcasts, Coachings und Onlinekurse erklären, wie man durch positives Denken, Visualisieren oder bestimmte Rituale ein besseres Leben erschaffen können soll: Mehr Erfolg, Gesundheit, Liebe und Geld. Wer richtig manifestiert, zieht Gutes an, heißt es.
Doch was in der Theorie nach Selbstermächtigung klingt, führt bei vielen zu etwas anderem: Frustration, Enttäuschung und dem Gefühl, versagt zu haben. Menschen, die ohnehin teilweise mit Unsicherheit oder schwierigen Lebensumständen zu kämpfen haben, setzen ihre Hoffnung in Manifestation und stellen fest, dass sich nichts verändert. Nicht, weil sie es falsch machen. Sondern weil Manifestation ein Glaubenssystem ist, von dem in erster Linie die profitieren, die es vermarkten.
Dieser Artikel zeigt, warum sich so viele nach Manifestation schlechter fühlen als vorher und welche Mechanismen dafür verantwortlich sind.
1. Enttäuschung – „Es funktioniert nicht!“
Manifestation lebt von der Erwartung, dass sich etwas zeigen wird: ein positives Zeichen, eine glückliche Wendung, ein Durchbruch. Wenn sich nichts zeigt oder sogar etwas Negatives passiert, entsteht Frust. Wer Zeit, Hoffnung und Aufmerksamkeit investiert, stellt nach Wochen oder Monaten fest: Das Universum liefert nicht. Psychologisch lässt sich das als Erwartungs-Enttäuschung beschreiben: Je höher die Erwartung, desto härter trifft die Enttäuschung.
Besonders belastend: Manifestation hat keine klaren Kriterien, wann etwas funktioniert oder nicht. Das Warten bleibt offen, der Zeitpunkt verschiebt sich, die Hoffnung hält sich. Und mit ihr die Enttäuschung. Oft zweifeln Menschen dann nicht sofort am Glaubenssystem, sondern an sich selbst. Erst später wird klar: Das Gefühl entsteht nicht, weil sie zu wenig geglaubt oder falsch visualisiert haben. Sondern weil eine Hoffnung aufgebaut wurde, die keinen realen Bezug zur Wirklichkeit hat.

2. Selbstzweifel – „Ich kann es einfach nicht!“
Wenn Erfolge ausbleiben, stellen viele nicht Manifestation infrage, sondern sich selbst. Was mache ich falsch? Andere berichten auf Instagram oder TikTok von Erfolgen, zeigen ihre Traumjobs, Partnerschaft, Geld. Warum klappt es bei mir nicht? Die Forschung zu Kontrollüberzeugungen zeigt: Menschen neigen dazu, ausbleibende Erfolge sich selbst zuzuschreiben, besonders wenn ihnen vermittelt wird, sie hätten Kontrolle über das Ergebnis.
Genau darauf setzt das Glaubenskonzept der Manifestation: „Wer richtig denkt und fühlt, zieht Gutes an.“
Was dabei ausgeblendet wird: Viele Lebensereignisse lassen sich nicht durch innere Haltung steuern. Zufall, äußere Umstände oder strukturelle Ungleichheit spielen eine große Rolle. Diese Faktoren tauchen in der Manifestationslogik kaum auf, weil sie das Versprechen untergraben würden, dass alles allein vom eigenen Denken abhängt.
3. Innere Unruhe – „Ich darf mir keinen falschen Gedanken erlauben!“
Manifestation bedeutet für viele permanente Selbstbeobachtung. Wer daran glaubt, dass die eigenen Gedanken reale Auswirkungen auf das eigene Leben und die Zukunft haben, steht unter ständiger Kontrolle: bloß nicht zu negativ sein, nicht zweifeln, nicht aufgeben, nicht falsch fühlen. Denn sonst war alles umsonst – das Journaling, die Rituale, die Zeit, das Geld.
Was entsteht, ist kein Stress im klassischen Sinn, sondern ein permanentes inneres Getriebensein. Gedanken laufen im Kreis, Erholung fällt schwer, Zweifel werden sofort bekämpft. Psychologisch lässt sich das als mentale Selbstüberwachung beschreiben. Wer nicht abschalten kann, weil jeder Gedanke zählt, erlebt nicht inneren Frieden, sondern Erschöpfung.
Manifestation geht damit noch einen Schritt weiter als toxische Positivität:
Negative Gefühle gelten nicht nur als unerwünscht, sondern als Ursache für weiteres Unglück. Nicht nur: „Denk positiver“, sondern: „Wenn du falsch denkst, schadest du dir selbst.“
4. Schuld – „Ich bin zu blöd dafür!“
Aus Selbstzweifeln wird schnell Schuld. Manifestation wird so vermittelt: Wer richtig denkt, visualisiert und fühlt, zieht das Richtige an. Wer scheitert, hat innerlich noch Blockaden, negative Glaubenssätze oder zu wenig Vertrauen ins Universum. Die Forschung zum sogenannten Gerechte-Welt-Glauben zeigt: Menschen neigen dazu, negative Ergebnisse sich selbst zuzuschreiben, wenn sie an eine grundsätzlich gerechte Ordnung glauben.
Manifestation verstärkt dieses Muster. Erfolg erscheint als Belohnung für „richtiges“ Denken, Misserfolg als Folge innerer Fehler. Das kann bis zur Selbstanklage führen: Ich bin zu negativ. Ich sabotiere mich selbst. Ich bin nicht gut genug. Strukturelle Probleme, Zufälle oder äußere Umstände geraten dabei aus dem Blick.
5. Scham – „Wie konnte ich so naiv sein?“
Wenn Zweifel und Schuld über längere Zeit bestehen, kann daraus Scham werden. Nicht nur das Scheitern selbst wird belastend, sondern die Erkenntnis, überhaupt daran geglaubt zu haben. Der Gedanke lautet dann nicht mehr: Es hat nicht funktioniert, sondern: Wie konnte ich so naiv sein? Scham unterscheidet sich von Schuld darin, dass sie nicht das eigene Handeln betrifft, sondern das eigene Selbst. Menschen ziehen sich zurück, sprechen nicht mehr darüber und vermeiden es, ihre Erfahrungen zu teilen.
Gerade weil Manifestation oft mit Selbstoptimierung, Erfolg und „positiver Energie“ verbunden ist, fällt es schwer sich einzugestehen, dass man enttäuscht wurde. Diese Scham schützt das System: Wer sich schämt, stellt keine Fragen und sucht keinen Austausch. Statt Kritik zu äußern, schweigen viele und bleiben mit dem Gefühl zurück, versagt zu haben, obwohl sie lediglich einem weit verbreiteten Versprechen gefolgt sind.
Video-Tipp: Schau dir einmal die ersten beiden Dokumentationen aus diesem Artikel an. Sie zeigen eindrucksvoll, wie groß die Scham bei Betroffenen ist.
6. Finanzielle Reue – „Ich habe so viel Geld umsonst investiert!“
Manifestation beginnt oft kostenlos: mit Meditationen, Ritualen oder Affirmationen. Bleiben die Ergebnisse aus, greifen viele zu bezahlten Angeboten. Coachings, Kurse oder Masterclasses versprechen, die noch „fehlende Zutat“ zu liefern. Influencer:innen und Coaches präsentieren sich dabei als Beweis und vermitteln: Wenn es bei mir geklappt hat, schaffst du das auch.
Studien zum Entscheidungsverhalten zeigen: Bereits getätigte Ausgaben erhöhen die Bereitschaft, weiterzumachen, um sich die bisherige Investition nicht als Fehler eingestehen zu müssen (Sunk-Cost-Fallacy). Je mehr investiert wurde, desto schwerer fällt der Ausstieg. Wird schließlich klar, dass das Geld weg und der Effekt ausgeblieben ist, tut nicht nur der Betrag weh. Auch die verlorene Hoffnung schmerzt; ebenso wie die Erkenntnis, dass Online-Persönlichkeiten genau daraus Profit schlagen.

7. Ohnmacht – „Ich habe alles versucht!“
Wenn Manifestation über längere Zeit nicht funktioniert, kippt Hoffnung in Ohnmacht. Viele haben visualisiert, affirmiert, Journals geschrieben, meditiert, losgelassen und vertraut, und trotzdem bleibt alles gleich. Das Gefühl ist nicht mehr Enttäuschung, sondern Erschöpfung. Ich habe wirklich alles gemacht, was mir gesagt wurde.
Diese Ohnmacht entsteht, weil Manifestation Handlung simuliert, ohne reale Wirksamkeit zu erzeugen. Wer glaubt, bereits innerlich alles getan zu haben, erlebt Stillstand als endgültig. Das kann das Gefühl verstärken, dem eigenen Leben ausgeliefert zu sein, gerade dann, wenn reale Veränderungen eigentlich Handlung, Unterstützung oder veränderte äußere Bedingungen erfordern würden.
Hinzu kommt, dass Manifestations-Coaches keine Alternative anbieten. Wer scheitert, bekommt keine neuen Wege aufgezeigt, sondern wird in dieselbe Praxis zurückgeschickt. Die Botschaft lautet nicht: Versuch etwas anderes, werde aktiv. Sondern: Du manifestierst noch nicht richtig. Das verstärkt das Gefühl von Ausweglosigkeit.
8. Wut: „Ich bin wütend auf mich“
Wut entsteht oft spät. Meist richtet sie sich nicht gegen das Glaubenssystem oder die Versprechen von Coaches, sondern gegen die eigene Person: Warum bin ich darauf reingefallen? Die Wut geht nach innen, nicht nach außen. Das hängt auch mit der Logik der Manifestation zusammen, denn negative Gefühle gelten im Gesetz der Anziehung als kontraproduktiv, weil sie angeblich weitere negative Ereignisse anziehen.
Ärger, Zweifel oder Kritik sollen vermieden werden, so wird es vermittelt. Wut ist in diesem Kontext besonders problematisch. Wer sie zulässt, könnte sich damit selbst schaden. Die Folge ist eine Umleitung von Emotionen: Statt berechtigter Wut über unerfüllte Versprechen oder finanzielle Verluste entsteht Selbstvorwurf. Menschen ärgern sich darüber, dass sie geglaubt, gehofft und investiert haben. Wut, die eigentlich Grenzen setzen und Klarheit schaffen könnte, richtet sich gegen das eigene Selbst.
Fazit: Was bleibt
Manifestation beginnt oft mit großer Hoffnung. Kostenlose Meditationen, inspirierende Posts, charismatische Coaches, die vom Traumleben erzählen. Viele dieser Personen haben Zehntausende oder Hunderttausende Follower. Das wirkt wie ein Beweis: So viele Menschen können sich doch nicht irren.
Was als Selbstermächtigung verkauft wird, macht häufig passiv. Manifestation verspricht Veränderung ohne Handeln, ohne Auseinandersetzung mit äußeren Bedingungen und ohne Konfrontation mit dem, was sich nicht durch Gedanken ändern lässt. Das ist kein Zufall, sondern typisch für viele esoterische Praktiken, in denen äußere Ereignisse als Spiegel innerer Zustände gelten.
Was bleibt, ist oft das Gegenteil dessen, was versprochen wurde. Hoffnungslosigkeit, finanzielle Belastung und das Gefühl, versagt zu haben. Wichtig zu wissen ist: Wer sich nach Manifestation schlechter fühlt als vorher, hat nicht versagt, sondern einem System vertraut, das Hoffnung erzeugt, aber keine echten Veränderungen ermöglicht.
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